17.11.2008 – In einer anderen Welt
Wir befinden uns nun seit einem Tag in Afrika. Meine Füße betreten erstmals den schwarzen Kontinent. Daher haben wir uns schon vor unserem Besuch von Cabo Verde besonders gründlich vorbereitet und alles, was wir an Informationen über diese Inseln auftreiben konnten, gelesen und mit Freunden gesprochen, die dieses Land und die Menschen schon ein wenig kennen. Trotzdem ist die Welt hier nicht so einfach in Worte zu fassen.
Die Menschen, die hier leben, besitzen ein unheimlich freundliches, offenes und lebensfrohes Wesen – für uns leider meist schon etwas sehr Fremdes und leider wird dadurch eher das Misstrauen als Zutrauen geweckt.
Diese Lebenslust ist für viele Menschen hier deren wichtigstes Kapital, um sich damit nur die lebenswichtigsten Bedürfnisse wie Nahrung und Kleidung verdienen zu können. Es gibt hier auf dieser Insel leider viel zu wenig Arbeit, wahrscheinlich ist es auf den neun anderen Inseln nicht viel anders. Es mangelt an Bodenschätzen und daher gibt es auch keine Industrie und nur sehr wenige Handwerksbetriebe – ich habe zwei Tischlereien in Mindelo gesehen, die aber auch ihre gesamten Rohstoffe importieren müssen. Zum betrieben einer Landwirtschaft fehlt es an Wasser und der Tourismus steckt noch in den Kinderschuhen. Trotzdem bekommt man an jeder Straßenecke ein Lächeln geschenkt. Das sich der Tourismus hier noch nicht so entwickelt hat wie anderswo, hat sicher auch seine guten Seiten.
Für junge Menschen gibt es zwar Schulen, doch danach beginnt der tägliche Kampf ums Überleben. Ausbildungsplätze sind fast keine vorhanden und oft müssen sich schon Kinder durch betteln ihren Lebensunterhalt verdienen, weil auch ihre Eltern keine Arbeit haben und sich als Taglöhner durch das Leben kämpfen müssen. Und oft sind es die Frauen und Mütter, die ganz ohne Unterstützung der Väter ihre oft sehr zahlreichen hungrigen Mäuler mit was essbaren stopfen müssen. Familien mit fünf bis sechs Kindern sind keine Seltenheit.
Wenn wir die wohlbehütete und durch Gittertore – man kann diese nur öffnen, wenn man eine entsprechende Karte besitzt - gesicherte Marina verlassen, werden wir an der Mole sofort von drei, vier, manchmal auch noch mehr Menschen mit einem freundlichen „bondia!“, „oi!“, oder „hello, from where are you?“ empfangen, hauptsächlich sind es junge Burschen, aber auch ältere Männern, aber nie Frauen, die uns ihre Hilfe bei diversen Erledigungen anbieten, natürlich gegen einen kleinen Obolus. Es fällt schon schwer, eine Wahl zu treffen, wem man nun sein Vertrauen schenken soll.
Carlos, dessen Alter ich schwer schätzen kann - ich würde sagen, so zwischen vierzig und fünfzig Jahre wird er alt sein - begleitet mich am ersten Morgen zum Einkauf von Brot und Gemüse. In den Läden führt er mit den meist weiblichen Händlerinnen die Vorgespräche über Auswahl und Preise meiner Einkaufswünsche und zum Schluss greife ich dann in meine Geldbörse und denke mir, dass ist ja fürchterlich teuer. Als sich unsere Wege wieder trennen, entlohne ich ihn mit zweihundert Escudos, das sind zwei Euro. Er hätte zwar gerne ein T-Shirt gehabt, doch das schien mir etwas zuviel für diese für mich nicht gerade günstigen Einkäufe.
Es fällt manchmal wirklich sehr schwer, besonders wenn Kinder zu dir kommen und um Geld für Essen bitten, diese Bitten abzulehnen, aber es kommen einfach zu viele.
An Bord ist heute ein Arbeitstag. Das Schiff muss nun für die Atlantiküberquerung endgültig vorbereitet werden. Ein Ölwechsel ist wieder erforderlich und Michi überprüft auch den Allgemeinzustand des Motors. Es gibt viele, sehr viele Kleinigkeiten zu erledigen, so müssen z.B. Leesegel angefertigt werden, damit wir bei Wind und Wellen nicht aus unseren Kojen fallen.
Mein Weg führt mich in das Büro der Einwanderungsbehörde, um unsere Visa offiziell bestätigen zu lassen. Der arme Polizist des „Emigration Office“ sitzt in einem Verschlag, ca. zweimal zwei Meter groß, nur mit zwei Stühlen und einem wackeligen Schreibtisch eingerichtet. Nur wenige Sonnenstrahlen können sich durch ein kleines Oberlicht und durch die geöffnete Eingangstüre zwängen. Vor sich hat er auf diesem uralten und hässlichen Schreibtisch ein dickes Buch liegen, wo er jeden neuen Gast der Insel mit der Hand einträgt. Aus einem winzigen Transistorradio krächzt Musik, die vom nahe gelegenen Radiosender ausgestrahlt wird. In einer Ecke steht noch eine alte Schreimaschine, zugedeckt und unbenützt, auf einem kleinen Beistelltisch. Sie wird wahrscheinlich nur für besondere Anlässe in Betrieb genommen. So hat es zumindest den Anschein. Ich werde sehr höflich und freundlich empfangen und bedient, alles ohne Hast und Eile.
Es ist heute schon den ganzen Tag über bewölkt und die Temperaturen sind angenehm. Wenn die Sonne jedoch einmal ihre Strahlen ausschickt, dann wird es gleich sehr heiß. Abends kehren wir in der Nähe des Hafens in ein kleines Restaurant ein, wo wir die Crew unseres Nachbarschiffes zufällig treffen.
Das ist eine bunt zusammen gewürfelte Runde. Der Skipper Markus mit Wurzeln sowohl in Belgien wie auch in Deutschland, war auch zur selben Zeit wie wir in Las Palmas und hat dort seine Mannschaft angeheuert. Alles junge und abenteuerlustige Menschen, die über den großen Teich in die Karibik wollen. Nun sitzen wir mit Markus, mit Anja aus der Schweiz, mit Mark aus London und mit zwei Schweden an zwei Tischen und erzählen uns gegenseitig von unseren Erlebnissen. Die vier sind mit Markus in die Karibik nach Martinique unterwegs. Dort werden sich ihre Wege dann wahrscheinlich wieder trennen. Anja trifft trampt bis Kolumbien, wo sie dann ihren Freund treffen will und Markus sucht für ein paar Monate einen Job als Skipper, um sich Geld für die nächsten Ziele seiner Reise zu verdienen.
Es ist schon ganz schön spät, als wir uns endlich auf den Heimweg machen. Aber auch zu später Stunde ertönt von jeder Ecke ein freundliches „Welcome, see you tomorow!“, dann fallen wir müde in unsere Kojen.
18.11.2008 – Gabi kommt
Auch heute gibt es noch viel zu erledigen, doch die Motivation scheint nicht allzu groß zu sein. Nur in sehr mäßigem Tempo setzen wir uns in Bewegung. Während Michi und Werner die Leesegel vorbereiten und dann einige Einkäufe erledigen, kümmere ich mich um die Anreise von Kiesel, der uns über den Atlantik begleiten wird. Im Büro der Kap-Verde-Airlines erkundige ich mich nach den Flugplänen von Sal nach Sao Vicente. Auf der Insel Sal befindet sich der internationale Flughafen. Von hier kommt man dann mit Inlandsflügen auf die anderen Inseln.
Nachmittags holen wir die Wäsche aus der Putzerei und besorgen Lebensmittel für unser Abendessen. Es gibt Heute Suppe und Toasts. Werner wirft sich heute ins Zeug und kocht uns eine herrlich schmeckende Suppe, das Geheimnis deckt Gabi auf, die die vermeintliche Petersilie als Koriander entlarvt.
Kurz nach neun treffen Gabi und Michi ein. Gabi hat eine höllische Woche in Las Palmas verbracht. Ein Zahn hat zu schmerzen begonnen und auch mehrere Besuche in der Zahnklinik konnten ihr Leiden bisher nicht lindern. Nun hoffen wir alle, dass die Medikamente endlich Besserung bringen.
19.11.2008 – Areia Branca
Um acht hab ich genug vom liegen, neben mir träumt Werner noch von Sandflöhen in Miniröcken, während sich Michi schon hin und her wälzt, und ich setz mich nun vor den Blechtrottel und versuche mich an die letzten Tage zu erinnern.
Es hat sich viel ereignet. Alleine die vielen neuen Namen bereiten mir Kopfzerbrechen. Aber es ist wirklich schön, wie man von den Einwohnern von Sao Vicente empfangen wird. Zum Beispiel von Carlos. Er entdeckt mich immer, ganz egal, wann und wo, irgendwann taucht er plötzlich auf und erinnert mich an das T-Shirt, welches ich ihm versprochen habe. Heute ist es soweit. Ich muss mich schweren Herzens von einem grauen Jamaica-T-Shirt trennen und übergebe es ihm feierlich.
Am frühen Nachmittag, nachdem alle wichtigen Dinge erledigt sind, brechen Werner und ich zu einem Spaziergang auf – in die Areia Branca. Vom Hafen geht es immer entlang derselben Straße in den Stadtteil Ribeihro, der an die Berge grenzt. Anfangs ist diese Straße noch relativ gut asphaltiert. Wenn man das Stadtzentrum verlässt, ändert sich der Straßenbelag in Stein grob gepflastert und am Fuße der kargen Berge, die eine natürliche Grenze von Mindelo bilden geht es über in Sand und Schotter. Ich komme vorbei an einfachsten Behausungen, die aber oft Lebensraum für Familien mit fünf oder noch mehr Kindern sind, gebaut, oder besser gesagt, zusammengeflickt aus alten Ölfässern, Autowracks und vielen anderen Dingen.
Hier trennen sich unsere Wege. Werner kehrt um, während ich weiter dem Ziel meiner Wanderung entgegenstrebe, dem kleinen Ort Salamansa an der Ostküste. Ich erblicke mein Ziel leider nicht, denn es ist schon später Nachmittag und ich kehre um, um noch vor Einbruch der Dunkelheit wieder am Schiff zu sein.
Ich nehme den Weg zurück ins Tal an der anderen Seite der Schlucht, wo ich einen schmalen Pfad entlang wandere, bis ich dann an der Stadtgrenze von Mindelo in der Talsohle die Felder erreiche, auf denen Mais, Gemüse und etwas Obst angebaut werden. Zurück auf die Hauptstraße, die nun voll Leben ist, erreiche ich noch vor der Dämmerung in der Altstadt einen kleinen Park, in dem zufälliger Weise Michi und Gabi auf einer Parkbank sitzen und Gabi gerade vom Zahnarzt zurückgekehrt ist.
Heute Abend kehren wir wieder in das nette Restaurant „Pica-Pau“ ein, was angeblich in Kreolisch soviel wie Specht heißt. Wir lassen uns noch einmal die wirklich ausgezeichnete Fischsuppe servieren. Das wird zumindest durch unzählige Briefe aus aller Herren Länder bestätigt, die die Wände schmücken.
Es ist alles bis auf den letzten Platz voll mit Gästen, immerhin etwas mehr als 20 Personen auf einer Fläche von knapp 15m². Michi und Gabi haben aber klugerweise schon vorher einen Tisch reservieren lassen. Nachdem wir gespeist haben, kehren wir an Bord zurück und genießen die letzten Stunden des Tages.
20.11.2008 – Mindelo
Für heute ist nichts geplant, abgesehen von ein paar kleinen Handgriffen am Schiff. Die Sonne strahlt freudig vom Himmel und wir schwitzen, auch ohne etwas zu tun. Trotz einer Temperatur von fast 30° raffen wir uns am frühen Nachmittag aber auf und begeben uns, jeder mit seiner Kamera bewaffnet, zu einer Besichtigung der Außenbezirke von Mindelo.
Die Stadt mit ihren ca. 60.000 Einwohnern wird auf der einen Seite vom Atlantik umschlossen, die anderen Grenzen bilden trockene Täler, die als enge Schluchten an den Hängen felsiger Berge enden, deren Höhe zwar ca. 250 bis 350m nicht übersteigt, die aber trotzdem furchterregend wirken. Kein einziger Baum wächst in dieser faltigen Felslandschaft und auch andere Pflanzen sind kaum zu entecken.
Wir schlendern entlang der Uferpromenade, vorbei am Hafengelände, an halbverfallenen Industrieanlagen, an einer Wand voll mit handgemalten Bildern, deren Motive an Umweltschutz, Gesundheit und Bildung erinnern sollen und knipsen alles, was sich uns in den Weg stellt. Wir erreichen ein Kraftwerk, wo laute und stinkende Generatoren für die Stromversorgung arbeiten und verlassen hier die asphaltierte Hauptstraße. Nebenstraßen sind meist noch mit Natursteinen gepflastert. Alle anderen Gassen und Wege sind aber nur mehr staubige Feldwege mit großen Löchern in der Fahrbahn und auf so einem befinden wir uns nun. Hohe Mauern grenzen Privatbesitz von öffentlichem Grund ab und sind an der Krone mit Glasscherben bedeckt, um unwillkommene Besucher zu verscheuchen – der Anblick ist auch wirklich abschreckend.
Kleine Hügel, die die Ebene der Stadt unterbrechen, teilweise sogar mit etwas Grün bewachsen, werden aber leider immer mehr der hier herrschenden Wohnungsnot geopfert. An den Hängen mit einem herrlichen Blick auf den Ozean lassen die Reichen der Stadt ihre Villen bauen.
Als wir an so einer Baustelle vorbei kommen, werden wir von zwei älteren Herren eingeladen, deren fast fertiges Haus zu besichtigen. Würde der eine, er ist 74 und stammt von der Insel Santo Antao, die arbeiten am Haus seines Freundes nicht überwachen, so wäre ein Ende nicht abzusehen – versucht er uns in gebrochenem Englisch zu erklären. Wir sehen ein äußerst großzügig eingerichtetes Haus mit vier Etagen, drei Garagen, wunderbarer Aussicht, deren Besitzer weit über dem hier üblichen Lebensstandard leben müssen.
Nach diesem sehr kontrastreichen Ausflug besorgen wir Zutaten für ein Eintopfgericht. Wir probieren einmal Gemüsesorten, die wir daheim nur von Bildern oder vom Naschmarkt kennen. Aus Süßkartoffeln, Yamswurzel, Bananen, Karotten und noch ein paar anderen Zutaten entsteht ein köstliches Eintopfgericht.
Anschließend überlegen wir, ob wir morgen nicht die Insel Santo Antao besuchen sollen. Gabi hofft, dass die schon seit Tagen anhaltenden Schmerzen, verursacht durch einen winzigen, aber sichtlich sehr bösartigen Zahn, endlich nachlassen.
Jeder von uns hat sich schon mit Santo Antao beschäftigt. Es klingt alles wirklich sehr aufregend, was man über diese Insel liest und was man auf beeindruckenden Bildern zu sehen bekommt.
Diese Insel ist fast doppelt so große wie Sao Vicente, aber noch dünner besiedelte. Man kann sie am Tag im Dunst von Mindelo aus erahnen. Täglich verkehren zwei Fähren zwischen Mindelo und Porto Novo. Ganz im Gegensatz zu der sehr trockenen und wüstenhaften Landschaft von Sao Vicente ist Santo Antao eine Insel mit sehr üppiger Vegetation, mit steil in den Himmel ragenden Gipfeln und mit wild zerklüfteten Tälern, in denen an der Talsohle das Wasser als Lebenssaft für die hier sehr intensiv betriebene Landwirtschaft, in großen Steinbecken gesammelt wird. Die Hänge der Berge, deren höchste Gipfel über 1.800m in den Himmel ragen sind wie bei uns daheim mit Fichten- und Kieferwäldern bewachsen. Das klingt eigentlich unglaublich.
Michi und Gabi machen dieses Vorhaben aber von Gabis Befinden ab. Werner, den man mit so einem Ausflug nicht so richtig motivieren kann, schließt sich den beiden an. Nun muss ich mich aber schlafen legen, denn ich will in jedem Fall die Insel besuchen. Unser Nachbarschiff hat das ebenfalls vor und so muss ich in keinem Fall alleine nach Santo Antao reisen. Schnell fülle ich den Rucksack mit Schlafsack, Pullover, usw. und dann lieg ich auch schon im Bett und träume von morgen.
21.11.2008 – Santo Antao
Um Punkt sechs läutet mein Wecker. Michi und Werner sind auch schnell aus den Federn. Leider hat Michi aber keine guten Nachrichten. Gabi ist in der Nacht wieder von fürchterlichen Zahnschmerzen gequält worden und so wird heute nichts aus unserem gemeinsamen Ausflug. Werner, der verschlafen an seiner Morgenzigarette zieht, ist darüber scheinbar nicht so unglücklich und fällt auch sofort wieder in sein Bett.
Ich stopfe meinen Rucksack noch mit etwas Proviant, Fotoapparat, Hängematte und als ich ihn mir über die Schulter werfe, muss ich aufpassen, nicht hilflos wie ein Maikäfer am Rücken zu fallen. Hab ich zuviel mitgenommen? Egal, wer weiß, ob wir davon nicht doch einiges benötigen werden.
Meine Begleiter für dieses Abenteuer sind die Crew der „Marionette“ - Markus aus Belgien, mit deutschen Wurzeln, Anja aus Luzern in der Schweiz, Mark aus Portmouth bei London, Johann aus der zweitgrößten Stadt Schwedens (deren Namen ich aber wieder vergessen habe) und der Einhandsegler Klaus aus Düsseldorf. Zu sechst begeben wir uns zu morgendlicher Stunde an den Ticketschalter der Fährlinie Ribeira Paul. Hier gelangt man um 350 Escudos nach Porto Novo, während man für die etwas größere Fähre der Linie Amras gleich das Doppelte zahlen müsste.
Pünktlich um halb acht legen wir vom Fährhafen in Mindelo ab und nach etwa einer Stunde erreichen wir den kleinen Hafen von Porto Novo. Obwohl wir uns auf der Insel Santo Antao befinden, ist hier noch nichts von der so oft beschriebenen üppigen Vegetation zu sehen. Der Ort ist grau und staubig und man fühlt sich hier nicht sehr wohl. Ständig werden wir von eifrigen Taxilenkern angesprochen, ob wir nicht deren Dienste in Anspruch nehmen wollen. Als wir ihnen zum wiederholten Male erklären, zu Fuß die Insel entdecken zu wollen, bekommen sie einen fast verzweifelten Gesichtsausdruck und wollen uns mit allen erdenklichen Mitteln von diesem Vorhaben abbringen. Aber wir sind nicht umzustimmen.
In einem kleinen Lebensmittelladen versorgen wir uns mit Proviant für die nächsten zwei Tage. Dann heißt es, den Weg, der uns auf den zweithöchsten Berg der Insel, auf den Pico de Cruz, führen soll, zu finden. Eine kleine Straße zweigt nach rechts ab. Links und rechts stehen nur mehr wenige sehr einfache Häuser. Dieser Weg führt entlang eines ausgetrockneten Flussbetts direkt in die, von hier aus gesehen, noch sehr trockene Berglandschaft.
Wir kommen flott voran. Die Sonne glüht zwar am Himmel, doch ein kühler Windhauch macht die Hitze erträglich. Nach ca. 1 ½ Stunden erreichen wir Mesa, ein verlassenes Anwesen, inmitten einer steppenartigen Landschaft. Wir befinden uns nun am Fuße der immer steiler werdenden Hänge, die wir nun erklimmen müssen. Von hier wird aus dem bisher noch befahrbare Weg nun ein Pfad, der abwechselnd auf steinigen, dann wieder auf ausgetretenen erdigen Untergrund steil bergan führt. Bald haben wir auch die Höhe von tausend Metern erreicht, doch unsere Kräfte müssen noch einmal für fünfhundert Höhenmeter ausreichen. Der Rucksack wird immer schwerer und die Schritte werden immer kürzer. Endlich erreichen wir die Grenze, an der die Landschaft beginnt, grün zu werden. Zuerst wächst dünnes Gras aus dem trockenen Boden, dann werden die Wiesen immer dichter und höher, Sträucher bedecken den Boden und endlich erreichen wir die ersten Nadelbäume, die mit ihrem kühlenden Schatten für ein wenig Erholung sorgen.
Es ist schon spät am Nachmittag, als wir endlich unser Ziel erreichen, den Pico de Cruz. Wir stehen auf einer Straße, direkt am Kamm des Berges errichtet, in einer Höhe von ca. 1.500m über dem Meer und haben einen phantastischen Ausblick auf Sao Vicente. Als wir jedoch auf die andere Seite der Straße schauen, ebenfalls in Erwartung eines grandiosen Panoramas, werden wir herb enttäuscht. Nur eine undurchdringbare Wand aus weißen Wolken ist zu sehen.
Unsere Wasservorräte sind nach diesem Aufstieg fast vollständig geleert und wir müssen uns auf die Suche nach neuen Vorräten machen. Zu unserem Glück kommt genau in diesem Augenblick ein einsamer Wanderer die Straße entlang und er führt uns zu einem kleinen Hof, der im wertvollen Besitz einer eigenen Quelle ist. Eine sehr hilfsbereite Bäuerin nimmt unsere Flaschen und füllt sie mit klarem Bergwasser.
Wir begeben uns auf die Suche nach einem Schlafplatz für die kommende Nacht. Bald haben wir auch eine geeignete Stelle gefunden, direkt unter einer schützenden Felswand, darüber mit Bäumen bewachsen. Immer wieder werden wir von alten und jungen vorbeikommenden Menschen sehr freundlich begrüßt und jedes Mal versuchen sie mit uns ein wenig über uns zu erfahren. Manche wollen uns auch einladen, so glaube ich zumindest aus ihrer Gestik erkennen zu können. Es tut richtig weh, wenn sie trotz sehr viel Mühe dann merken, dass wir sie nicht verstehen können. Es sind die Bewohner der umliegenden Höfe, die es nicht glauben können, dass ein paar verrückte Touristen hier unter freiem Himmel schlafen wollen. Keiner schafft es aber, uns von diesem Vorhaben abzubringen.
Wir verbringen eine herrliche Nacht unter unendlich viel Sternen, trotz eines kühlen Windes. Nur Johann aus Schweden muss frieren, denn er hat keinen Schlafsack. Zum Glück hab ich mich mit meinem Rucksack nicht ganz umsonst abgerackert, denn nun kann ich ihm zumindest ein wenig aus seiner Not helfen.
22.11.2008 – Müde Knochen
Noch bevor die Sonne hinter den Bergen wieder auftaucht, sind wir auf den Beinen. Wir verzehren unsere restlichen Vorräte, packen unsere Schlafsäcke zusammen und suchen in der Karte den richtigen Weg nach Paul. Ein netter Herr, der sich gerade auf dem Weg zur Arbeit befindet, zeigt uns die Stelle, wo man von der Hauptstraße nach Paul abzweigen muss.
Das, was uns gestern unter den Wolken verborgen geblieben ist, zeigt sich dafür heute in voller Pracht. Wir blicken in einen riesigen Krater, dessen steile, stufenförmig abfallende Wände fast vollständig mit Grün bedeckt sind. Schon vor langer Zeit haben die hier lebenden Menschen auch an den extremsten Stellen in diesem Trichter Terrassen zum Anbau von Mais, Zuckerrohr und anderen Pflanzen in mühevoller Handarbeit errichtet. An den Stellen, wo die Felswand senkrecht in die Tiefe fällt, findet das Wasser seinen Weg in die dafür errichteten Sammelbecken im Tal. Je weiter der Blick nach unten fällt, umso üppiger wird das Grün. Hier wachsen tropische Pflanzen genauso wie Äpfel, Birnen und anderes Obst, welches auch in unseren Breiten gedeiht.
Der Weg führt eng an die Wand gepresst in das Tal. Teilweise ist der meist steil abfallende Pfad grob gepflastert, teilweise wird der Höhenunterschied durch Stufen überwunden, teilweise geht man auf Erdboden und manchmal muss man einen Umweg nehmen, wenn der Weg nach dem letzten Unwetter in zerstört wurde. In unzähligen Kurven windet sich dieser Weg entlang der faltigen Kraterwand und wir nähern uns nur sehr langsam der Talsohle.
Wir haben erst ein kurzes Stück des Weges zurückgelegt, als uns eine Familie mit drei Kindern, Mutter und Vater und Esel im Laufschritt überholt. Das kleinste der Kinder sitzt auf den Schultern der Mutter, die beiden älteren Mädchen, so zwischen acht und zwölf, tragen jede einen Bund Holz am Kopf und der Vater muss immer wieder an der Leine des Esels zerren, damit sich dieser auch bequemt, in das Tal zu bewegen. Was muss das für ein anstrengendes Leben hier in den Bergen sein?
Ich muss höllisch acht geben, um ja keinen falsche Schritt in diesem Gelände zu machen. Trotzdem schießen mir die wildesten Gedanken durch den Kopf. Es ist für uns Großstadtmenschen einfach nicht mehr vorstellbar, wie die Menschen hier oben am Berg ihr Leben meistern. Es gibt hier weder Autos oder LKWs - außer den Sammeltaxis - noch Traktoren für die Bearbeitung der Felder, denn diese sind meist nur zu Fuß zu erreichen. Oben am Berg gibt es keinen Strom und natürlich auch kein Flieswasser. Die Hütten, in denen meist eine Großfamilie lebt, sind winzig, haben meist keine Fenster und der Boden ist aus Lehm. Und wenn ich dann diese Lebensfreude in den Augen dieser Menschen sehe, diese Neugier in den Augen der Kinder und Erwachsenen, dann fühle ich mich gar nicht wohl in meiner so gut geschützten und verwöhnten Haut.
Langsam nähern wir uns dem Ende unserer Wanderung. Zwischen dem üppigen Grün stehen die ersten Höfe der Grundstückspächter. Die Eigentümer dieser fruchtbaren Böden sind meist noch immer Großgrundbesitzer, die gegen einen entsprechenden Zins ihre Gründe an die hier lebende Bevölkerung verpachten.
Endlich stehen wir vor der erlösenden Botschaft in Form einer einfachen Tafel an einem Lichtmast genagelt: Bar/Restaurant à 100m. Wir wandern die letzten Meter bis zur Einkehr durch den kleinen Ort Paul, der sich eigentlich über das ganze Tal erstreckt.
Sandro Lacerenza aus Toulouse lebt seit ca. fünf Jahren in dieser noch sehr verschlafenen Gegend. Er hat sich aber nicht nur in eine Frau aus diesem Dorf verliebt, sondern gleich in den ganzen Ort. Wir werden von Sandro schon am Eingang seiner Bar empfangen und in sein Lokal geführt. Man sitzt im Erdgeschoß auf einer sehr schmalen Veranda auf selbst gezimmerten Tischen und Stühlen, im angrenzenden Zimmer steht ein Doppelbett mit einem Stoff-Koalabären in der Mitte, dahinter befindet sich die Küche, in der nun fünf Hühner mit Pommes zubereitet werden. Wir werden vom Wirt auf ein Glas Zuckerrohr-Punsch eingeladen, um die Wartezeit auf das Essen zu überbrücken.
Nach einer Erholungspause bestellt uns Sandro um 13.00 Uhr ein Aluguer – ein typisches Sammeltaxi – das auf den Kap Verden als wichtigstes Verkehrs- und Transportmittel die Straßen bevölkert. Wir besteigen einen modernen japanischen Kleinbus und fahren dann irrwitzige Straßen bis wir zum Ausgang des Tales gelangen. Es gibt am Weg eine große Baustelle, wo die Straße erneuert wird. Hier führt der provisorische Weg durch das Flussbett. Dieses tolle Abenteuer ist 550,00 Escudes wert.
Als wir an die Küste kommen, wird unser Aluguer am Beginn einer kleinen Ortschaft von einem am Straßenrand wartenden Mann angehalten. Er mustert uns alle sehr genau und veranlasst dann, dass unser Gepäck auf den Dachträger umgesiedelt werden muss. Nach einer kurzen Zeit des Wartens stehen plötzlich neun Personen vor der Schiebetür, alle zum Einsteigen bereit. Nun wird es eng, denn wir sind nun 16 Insassen in dem kleinen Bus und haben noch den größten Teil des Weges, ca. 45km, nach Porto Novo vor uns. Einige der Fahrgäste sind zwar schon älter, jedoch so eine Enge trotzdem nicht gewöhnt und beschweren sich deshalb auch lautstark, aber ohne Erfolg, beim Agenten des Aluguers.
Ich bin in der letzten Reihe ganz gut untergebracht und versuche nun Blicke von der traumhaft schönen und manchmal sehr bizarren Landschaft zu erhaschen. Es geht nun steil hinauf in eine für uns unbekannte Berglandschaft, immer wieder unterbrochen durch enge Schluchten. Wir fahren durch kleine Dörfer, vorbei an einsam gelegenen Höfen und an unzähligen Menschen, die überall die Straßen bevölkern. Ich versuche mit meiner Kamera so viel wie möglich einzufangen, obwohl das in dieser Enge nicht leicht ist.
Endlich erreichen wir nach fast zwei Stunden Porto Novo. Am Verkaufsstand oberhalb des Hafens kaufen wir die Tickets für die Rückfahrt. Es ist noch eine Stunde zeit, bis die Fähre ablegt. Wir verbringen diese Stunde in einer Bar in der Nähe des Hafens.
Plötzlich tauchen drei mir sehr vertraute Gesichter auf. Gabi, der es heute zum Glück schon viel besser geht, Michi und Werner haben auch einen Ausflug nach Santo Antao gemacht. Sie haben sich den ganzen Tag vom Fahrer eines Aluguers die Insel zeigen lassen. Nun sind wir wieder vereint und kehren am Abend in das sehr gepflegte Cafe Casa Mindelo ein, wo wir auch ausgezeichnet Essen. Bald falle ich in meine Koje, denn ich bin heute wirklich todmüde.
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen