29.10.2008 –Wetter und andere Launen
Das derzeitige Wetter ist für die Kanarischen Inseln absolut untypisch. Seit es Wetteraufzeichnungen gibt, ist niemandem ein so kalter Oktober bekannt – meinen die Insulaner, die es wissen müssen. Und weil ich gerade vom Wetter und seinen Launen erzähle – da muss ich auch einmal schreiben, wie die Stimmung an Bord ist. Natürlich werden sich viele fragen, wie wir es nun schon fast drei volle Monate auf ca. 12m² Wohnfläche miteinander aushalten.
Bis zum heutigen Tag verstehen und lieben wir uns ohne Einschränkungen so wie vor der Abreise. Natürlich gibt es Momente, wo es zu Spannungen kommt. Jeder von uns ist Individualist und hat seine Launen und die muss man auch ausleben. Und ich muss fairer Weise auch ergänzend hinzufügen, dass ich selbst sehr stur sein kann, was aber auch ohne Einnahme von Medikamenten nach ein paar Stunden wieder ausgeheilt ist. In solchen Momenten gibt es bei nichtigen Anlässen schon einmal etwas unfreundliche Worte. Nach einigen Stunden des aneinander Vorbeiblickens setzen wir uns an unseren runden Tisch (oder zumindest tun wir so, als hätten wir diesen) und diskutieren über diese Launen und ihre Ursachen. Und nach einigen offenen Worten hat sich bis jetzt jede noch so miese Stimmung in gute Laune und vor allem ein gegenseitiges Verstehen gewandelt.
Heute ist aber ein ganz normaler Tag. Unsere Stimmung ist gut, vielleicht auch deshalb, weil wir vor kurzem Entschieden haben, die Abreise nach Teneriffa um einen Tag zu verschieben, denn das Wetter ist, ganz im Gegensatz zu uns, nicht so gut gelaunt – es ist regnerisch und der Wind pfeift noch ganz schön durch den Mastwald.
Gerade hat eine Schweizer Mannschaft neben uns angelegt. Das einzige weibliche Wesen der Crew redet sich nach Tagen der Einsamkeit bei Gabi ihren Kummer von der Seele. Sie heißt Karin, ist um die fünfzig und sehr sympathisch. Sie scheint einiges erlebt zu haben. Die Fahrt ging von Gibraltar direkt bis Gran Canaria. Irgendwo in den Weiten des Atlantiks hat sich nächtens ein Fischernetz in der Schraube verfangen und so war der Antrieb mit Motor lahm gelegt. Die Schweizer mussten unter Segel in den Hafen von Las Palmas einlaufen, was sicher ein sehr schwieriges Manöver ist. Die Stimmung schien auch nicht so optimal zu sein, denn die männlichen Mitglieder der Crew lebten sichtlich ihre Macho-Triebe aus.
Bei uns ist das anders. Wir sind alle gleichberechtigt, jeder kann Tun und Lassen, was er will. Und so begeben sich Gabi und Michi in die Altstadt von Las Palmas. Vorher sitz ich mit Gabi noch im Sotovento-Club und surfen wild im Internet.
Um ca. halb vier folgen Werner und ich. Mit der Linie 0A kommen wir bis vor die Altstadt. Nun beginnt wieder der übliche Fotowahnsinn. Ich bleibe stehen und visiere mit meiner Kamera jedes noch so uninteressante Objekt an, während Werner ca. 50m vor mir seinen Schritt sofort stoppt und dann geduldig wartet, bis ich meine Handlung abgeschlossen habe und wieder meinem nächsten Ziel entgegenstrebe. Trotzdem erreichen wir pünktlich den vereinbarten Treffpunkt vor dem Portal des Santa Ana Domes. Wir spazieren gemütlich durch ein ruhiges Viertel der Altstadt mit teilweise schon alten und verwahrlosten Häusern.
Am Heimweg kommen wir an einem Lokal vorbei, wo es ein Menü der typisch Kanarischen Küche gibt. Suppe und Vorspeise, dann ein Schweinsbraten mit Kartoffel und zum Dessert Mousse Chocolate und Pudding, dazu ein kleines Bier – das alles um 7,50 Euro. Und es war ausgezeichnet.
Zum Abschluss werfen wir noch einen Blick in die Sailor Bar, auf einen Cafe Solo. An Bord sitzen wir dann noch zusammen und reden schon über Morgen.
30.10.2008 –Wellenreiten
Heute legen wir ab –Pitty und Weuzi kommen übermorgen um 10.00 Uhr in Teneriffa am Flughafen Reina Sophia an und ich will Sie unbedingt abholen. Wir fahren dann gemeinsam mit der Tattoo nach La Gomera.
Bis dahin sind es aber noch einige Stunden und Gabi und ich begeben sich wieder in die Sailor Bar zum Surfen. Die Homepage muss auch wieder aktualisiert werden, während Michi und Werner das Schiff klar zum Ablegen machen.
Gabi und Michi sorgen noch für frisches Brot. Um 16.00 geht’s dann los. Schnell noch zur Tankstelle, um die Tanks zu füllen – die Dieselpreise sind hier so niedrig wie bis jetzt noch nirgendwo. Man bezahlt für einen Liter Diesel nur 74 Cent.
Wir bewegen uns langsam der Hafenausfahrt entgegen. Noch ist alles ruhig. Der Wetterbericht verspricht, dass der Wind von ca. derzeit 20 Knoten im Laufe der Nacht total einschlafen wird – was er auch macht. Aber vorher – wir sind nicht darauf vorbereitet – werden wir von ungeheuren Wellen überrascht, die sich direkt auf uns zu bewegen. Mit Vollgas pflügen wir diese Berge hinauf, dann geht’s wieder runter und gleich wieder in die Höh. Ab und zu kommt die Welle auch von der Seite, schiebt sich unten durch und lacht dann wild, wenn wir nicht wissen, wo man sich in der Eile Halt sucht und vielleicht auch noch daneben greift. Plötzlich rast direkt von Vorne ein Wasserschwall auf uns zu, gleitet über unsere Spreyhood und gießt sich in unser Cockpit. Ich bin etwas durchnässt.
Wir werden wirklich geschüttelt, und nicht gerührt. Und ich möchte hier an dieser Stelle keine Details veröffentlichen. Bald setzen wir Segel, in der Hoffnung, dass man sich dann wieder in Ruhe rasieren kann, ohne dabei zu verbluten - aber wann? Bald ist es Mitternacht und es sind noch keine Anzeichen zu sehen, dass dieser Tanz ein Ende hat. Wir haben auch den Plan aufgegeben, Thunfisch mit Reis zum Abendessen zuzubereiten – heute reicht Brot!
Meine Ruhezeit beginnt kurz vor dem Tagesende. Ich wecke Werner und der übernimmt mit Michi die nächste Wache.
31.10.2008 – Ankunft in San Miguel – Teneriffa
Diese Nacht verzichte ich auf den Schlaf, dafür komm ich in den Genuss eines traumhaft schönen Sonnenaufgangs und einen ungetrübten Blick auf den Pico del Tide. Um 07.30 erreichen wir San Miguel auf Teneriffa. Auch haben wir nun die 3.000. Seemeile überschritten, was wir allerdings nicht gesondert feiern.
Das Hafenhandbuch beschreibt uns eine Marina, die vor Jahren errichtet werden sollte, wo aber nach der Einfahrt sofort ersichtlich ist, dass seit damals nichts geschehen ist. Die Schwimmstege existieren nur auf dem Papier. Trotzdem erhalten wir einen der wenigen Transitplätze und können uns nun noch ein paar Stunden Ruhe gönnen.
Am frühen Nachmittag, nach einem etwas späten, dafür aber umso kräftigeren Frühstück begeben wir uns auf die übliche Erkundungstour. Das, was uns hier jedoch erwartet, ist alles Andere als befriedigend. Riesige Hotelkomplexe wachsen an der eher unwirtlichen Küste aus dem staubigen Boden. Dahinter schließen sofort die für Spanien so typischen Reihenhausanlagen an, unterbrochen durch das saftige Grün eines Golfplatzes. Neben diesen Anlagen ist die Landschaft durch Baustellen und Müll auch nicht einladender. Eine Landschaft, wie wir sie eher nicht wollen.
Ein teilweise gepflasterter, teilweise nur ausgetretener Weg führt direkt neben der felsigen Küste in die unscheinbare Ortschaft Abrigo, wo wir nach einer Bushaltestelle Ausschau halten, wo ich morgen zum Flughafen fahren könnte. Es gibt jedoch keine Verbindung, die mich dorthin bringen würde.
Abends wird heute gekocht, es gibt einen ganz köstlichen Faschierten Braten mit kanarischen Kartoffeln. Unruhig verbringe ich die letzte Nacht vor Pittys Ankunft.
01.11.2008 – Pitty und Weuzi kommen an Bord
Um 09.30 erreiche ich den Flughafen, nachdem ich den Weg nach Abrigo und dann weiter bis zur Autobahn zu Fuß gegangen bin, dort jedoch das Handtuch geschmissen habe (ursprünglich wollte ich zu Fuß zum Flughafen gelangen) und mir das nächste Taxi gestoppt habe.
Nun steh ich in der Ankunftshalle und suche auf der Anzeigetafel den Flug aus Wien – Ankunftszeit 10.00 – keine Verspätung wird gemeldet. Erst als es dann schon fast soweit ist, ändert sich die Anzeige und plötzlich kommt der Flug um 10.32, also um eine halbe Stunde später. Die Zeit scheint stehen zu bleiben, doch plötzlich stehen Sie vor mir: Pitty und Weuzi und ihre Rucksäcke, die mit Steinen gefüllt zu sein scheinen.
Wir laden das Gepäck in ein Taxi und sind in zwanzig Minuten im Hafen von San Miguel. Dort erwarten uns schon Gabi, Michi und Werner mit einem Willkommensdrink an Bord. Danach werden die Rucksäcke ausgepackt. Es lässt einem schon das Wasser im Mund zusammen rinnen, was da so alles zum Vorschein kommt. Meine Mutter hat uns wieder mit köstlichen Kuchen versorgt und auch zwei Gläser mit selbst gemachter Leberpastete sind für die schweren Rucksäcke verantwortlich. Und natürlich hat Patricia und Weuzi auch all die Dinge im Gepäck, die uns schon seit Wochen immer wieder eingefallen sind, was uns noch fehlt oder fehlen könnte. Dazu gehört vor allem Nahrung in Dosen, die uns für die langen Passagen das leben verschönern sollen.
Dann führen wir unsere neuen Passagiere durch die nicht wirklich sehenswerte Landschaft. Abends kehren wir in eines dieser vielen fast leeren Restaurants ein, doch die aufgetischten Gerichte sind von guter Qualität. Anschließend sitzen wir noch bis spät in die Nacht und nun zu sechst an Bord der Tattoo und erzählen uns gegenseitig das Leben der letzten Wochen.
02.11.2008 – Überfahrt nach La Gomera
Michi und Gabi verlassen uns heute. Gabi werden wir erst wieder auf den Kap Verden an Bord begrüßen dürfen, Michi kehrt am achten November an Bord zurück. Pitty und Weuzi sind nun für die nächsten Tage unsere Gäste und erhalten gleich am ersten Tag ihr Segeltaufe mit einer ordentlichen Atlantiküberfahrt nach La Gomera nach Puerto Vueltas – Valle Gran Ray.
Die Überfahrt verläuft im Großen und Ganzen ohne besondere Vorkommnisse, Weuzi wehrt sich nicht gegen den Verlust seines Frühstücks und seine Stimmung leidet auch nicht darunter. Auch heute werden wir von heftigen Wellen geschaukelt und der Wind bläst entgegen der Ankündigung in der Wettervorhersage mit kräftigen 25 bis 30 Knoten. Wir segeln, bis uns die Insel La Gomera den Wind aus den Segeln nimmt. Kurz vor der Ankunft sichtet Werner plötzlich mehrere schwarze Rückenflossen, die wahrscheinlich zu Grindwalen gehören.
Pünktlich um 17.00 erreichen wir unser Ziel, in der Zeitplanung sind wir schon recht gut. Vorher senden wir noch eine SMS an Ortiz, einem guten Bekannten, der uns als Einheimischer einen Liegeplatz in der neuen Marina reserviert hätte sollen.
Doch auch hier hat unser Hafenhandbuch mehr versprochen, als dann tatsächlich gehalten werden konnte. Diese Marina existiert ebenso wenig, wie der Fährbetrieb an der neuen Mole, die schon seit Jahren ohne irgendeinen Verwendungszweck zu verrotten scheint. Nur ein total zerstörtes Schiffswrack belebt die mit Unkraut bewachsene Anlage. Wir können aber am Kai anlegen, unmittelbar nach der Anlegestelle des Garajonay-Express (Fähre nach Los Cristianos – Teneriffa). Ein Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma weist uns diesen Platz zu. Glücklicherweise ist auch eine Leiter in die Kaimauer eingelassen worden, denn wäre es unmöglich, die vier Meter zwischen Meer und Land zu überwinden. Derzeit ist Ebbe, aber auch bei Flut ist der Höhenunterschied noch immer beträchtlich.
La Gomera ist für mich ein Wiedersehen mit einer guten alten Bekannten, die ich nun zum vierten Mal besuche – diesmal noch dazu auf eigenem Kiel. Damit hätte ich bei meinen ersten Aufenthalten auf dieser wirklich sehr schönen und dem Tourismus zum Glück nicht geopferten Insel sicher nie gerechnet. Doch nun ist es passiert.
Sobald am Schiff alles gesichert und alle notwendigen Arbeiten erledigt sind, steigen wir an Land. Ein kleiner Spaziergang führt uns zu dem Taramba-Cafe, das ich schon bei meinem letzen Inselurlaub sehr gern besucht habe. Dieses Cafe befindet sich in einem älteren Haus, hoch über dem felsigen Strand. Bei einem herrlichen Blick nach Westen auf den grenzenlosen Atlantik kann man hier die herrliche Abenddämmerung genießen.
Heute wird an Bord wieder typisch kanarisch gespeist. Es gibt Papas, die typischen kanarischen Kartoffel mit viel Salz gekocht und dazu Mochos, eine sehr würzige Sauce aus Gran Canaria und eine aus Mutters Küche, nämlich die Leberpastete, die sich vorzüglich als Speise dazu eignet. Die Überfahrt war auch anstrengend, sodass wir bald in die Federn fallen.
03.11.2008 – Inselrundfahrt
Um acht stehen Pitty und ich auf, spazieren in den noch sehr verschlafenen Ort und besorgen Obst und Schinken für ein Frühstück. Dann begebe ich mich in das Hafenbüro und in den Autoverleih „Carmen“ gleich neben dem Hafen. Für nicht einmal 25,00 Euro miete ich einen einfachen dreitürigen Citroen Saxo ohne elektrische Fensterheber und ohne Servolenkung (Hätte ich das gewusst!).
Um 11.00 sind wir startbereit und fahren nun aus dem Valle Gran Ray durch diese wunderbare, einzigartige Insellandschaft. Ich wüsste gerne die Höhenmeter, die man hier zurücklegt. Es geht wirklich hoch hinauf, dann wieder über enge und gewundene Straßen in einsame, fast menschenleere Schluchten, bis dann wieder ein kleines Dorf aus dem Nichts auftaucht. Erstes Ziel ist der Ort Argula, zu dieser Zeit total verlassen, bis auf ein paar wenige Individualisten. Nicht einmal die Bar hat heute geöffnet.
Weiter geht es nach Vallehermoso in den botanischen Garten. Hier war ich auch schon bei meinem letzten Besuch und es hat sich seit damals nicht viel verändert. Die Pflanzen gedeihen hier so üppig wie sonst niergendwo. Auch das toll restaurierte Kastell am Ende des Tales ist menschenleer, nur einige Besucher klettern in den Felsen um die Anlage herum. Nach einer Rast bei Kaffee und Salat aus einem Gemüse-Obst-Gemisch fahren wir nach Hermigua, an den Strand, wo Flinse, Weuzi und ich vor 14 Jahren völlig erschöpft nach einem Höllentrip an einem Sonntag ankamen, und es damals außer einem halben Müsliriegel, oder war es eine halbe Flasche Wasser nichts mehr gab.
Nun geht es in den Regenwald. Wir biegen von der befestigten Straße in dichten Wald und es wird stockdunkel. Die Stimmung ist unheimlich, niemand begegnet uns hier – glücklicherweise – denn zum Ausweichen gibt es kaum Platz. Endlich erreichen wir das Zentrum des El Cedro, wo es in einer richtigen Berghütte, wo im offenen Kamin schon ein wärmendes Feuer brennt, die Stimmung sehr gemütlich ist. Doch wir müssen leider bald aufbrechen, denn es beginnt schon zu dämmern. Wir wollen noch vor Einbruch der Nacht den Urwald verlassen haben.
Es geht nun endlos durch Wald, wo sich kaum ein Lichtschein durch das dichte Laub drängen kann, die Straße ist durch die heftigen Regengüsse aufgeweicht und wir fahren kilometerlang, ohne einem Lebewesen zu begegnen. Auch zeigt uns kein Wegweiser die Richtung und so müssen wir uns auf unser Gefühl verlassen. Zum Glück verlässt uns dieses nicht und irgendwann – es erschien uns wirklich endlos – erreichen wir eine asphaltierte Straße. Nun müssen wir noch einige Kurven und Höhenmeter zurücklegen, bis wir wieder den Hafen erreichen.
Und wir sind ganz schön erstaunt, als wir unsere Tattoo in einem Mastwald entdecken. Rund um uns haben es sich deutsche Chartersegler bequem gemacht – übrigens welche von der eher unsympathischen Sorte. Solche sind uns aber schon lange nicht mehr begegnet.
Abends kehren wir in eines der Lokale ein (vis a vis vom Kinderstrand), die uns Werner und Schini empfohlen haben. Wir genießen ein wirklich gutes Abendessen dank Schini und Werner.
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1 Kommentar:
Freue mich, daß es euch so gut geht und daß ihr die ersten großen Wellen schadlos überstanden habt. Das Wetter hier ist genau das Gegenteil, seit Jahren war es nicht mehr so warm und sonnig im Novermber (heute 5.11. hat es sage und schreibe 20°C am Thermometer!) und es schein auch ain bißchen die Sonne. Sonst ist es hier halt schon so zeitig finster, daß ich fast die Depression kriege. Ansonsten alles ok hier, Bussi Agi
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