Montag, 17. November 2008

09.11. - 16.11.2008 - La Gomera (Kanarische Inseln) - Sao Vicente (Kap Verdische Inseln)

09.11.2008 – Die zweite große Überfahrt
Wir sind heute mit den letzten Vorbereitungen zu unserer zweiten großen Übefahrt beschäftigt. Von San Sebastian nach Mindelo auf der Insel Sao Vicente sind es ca. 800 nm. Wir rechnen mit ungefähr acht Tagen, die wir für diesen Schlag benötigen werden.

Wir finden nach einigen Anfragen an die hiesige Bevölkerung einen respektablen Supermarkt, der auch sonntags geöffnet hat und können uns hier mit den noch fehlenden Nahrungsmitteln versorgen. Auch eine Bäckerei finden wir und bei einem Gemüse- und Obsthändler versorgen wir uns mit frischem Obst und Gemüse.

Dann eile ich noch schnell in ein Internet-Cafe und kann die Homepage am letzten Stand bringen, während Michi und Werner das Schiff für die Abreise fertig machen. Um 16.30 Uhr sind wir nach einer heißen Dusche zum Ablegen bereit. Wir verabschieden uns noch von Wolfgang und Christel, die nun bald ihrem Heimaturlaub antreten.

Unseren Liegeplatz haben wir schon mittags bezahlt, denn das Büro hat sonntags nur bis 13.00 Uhr geöffnet. Die Dame im Büro, die unsere Rechnung geschrieben hat, war zwar sehr nett, doch der Preis gefiel uns gar nicht. Bei der Anmeldung, gleich nach unserer Ankunft am Donnerstag, erkundigte ich mich noch extra nach den Liegeplatzkosten, und eine andere Mitarbeiterin der Marina nannte mir 13 Euro als Tagespreis, nicht exakt, aber in dieser Größenordnung. Und nun wollte man uns mehr als das Doppelte abknöpfen, 28 Euro. Man hat nämlich hier die Fläche des Liegeplatzes und nicht wie in Spanien bisher überall üblich, die Fläche unseres Schiffes (10,84 x 3,20m) zur Berechnung des Preises herangezogen. Und da wir eigentlich unfreiwillig im Paket mit einem zweiten Schiff einen Liegeplatz nutzen, hätte die Marina gleich doppelt verdient. Nicht mit uns!

Michi hinterließ eine stinksaure Marinadame, die zwar vielleicht gar nicht selbst schuld an der Misere war, sondern dieses EDV-Programm, wie sie uns immer wieder klar machen will, doch er bleibt hart und zahlt 42,00 Euro für 3 Tage, wie ursprünglich vereinbart war.

Um 16.50 (laut Logbuch) verlassen wir San Sebastian. Die Sonne lacht herab und der Wind versteckt sich – die See ist ruhig wie selten zuvor. Die Maschine brummt und es geht nun in südwestliche Richtung nach Sao Vicente, unserem ersten Ziel auf dem Kap Verdischen Archipel. Ich werfe einen letzten wehmütigen Blick auf die wunderschöne Insel La Gomera, bevor sie von der Nacht geschluckt wird. In der Dunkelheit folgen uns noch stundenlang die Lichter von Teneriffa, La Gomera und am längsten, nämlich bis fast am nächsten Morgen, die von El Hierro.

Michi wacht einsam an Deck und der Halbmond zieht seine Bahn über uns zurück.


10.11.2008 – Der Wind kommt
Pünktlich um Mitternacht: “Meixi, es ist soweit!“ und ich bin schon munter. Schnell in Trainingshose und Leiberl schlüpfen und die Nachtschicht beginnt. Deutlich sind die Lichter von El Hierro im Westen zu erkennen. Ansonsten ist es stockdunkel, abgesehen vom schon recht hellen Halbmond, nur wenige Sterne leuchten daher vom Himmel.

Mit der Stirnlampe am Kopf vertiefe ich mich in den Valle-Boten Nr. 62, der aktuellsten Ausgabe des absoluten Muss-Magazins der deutschen Enklave auf La Gomera. Damit bleibst du wirklich am Ball, weißt was los ist in Gomera, politisch, gesellschaftlich und sonst nicht viel. Es ist sehr amüsant, die witzigen Artikel zu lesen – das ist ehrlich gemeint. Und es ist wie am Rest unseres Planeten: Korrupte Politiker legen ihre Wähler aufs Kreuz, Nachbarschaftskriege werden um Esel ausgefochten, Umweltskandale wie der um die versiegenden Quellen von Epina, usw. – es ist was Los auf La Gomera.

Und es ist auch bald 02.00 Uhr – Werner übernimmt die nächste Wache – und ich liege in der Koje, lese noch ein paar Zeilen der „Sturmflut“ von M. und bin lande bald sanft im Land der Träume.

“Meixi, es ist soweit!“ – was, schon wieder? Michi weckt mich sanft, trotzdem brauche ich etwas Zeit, um dem Morgen in die Augen schauen zu können. Dann spring ich in mein Gewand und sitz nun von 06.00 bis 08.00 meine zweite Wache ab. Die schwachen Lichter El Hierros kann man im Dunst noch erkennen.

Um 07.00 Uhr schreit die Sonne: „Halt mich fest!“ Ich stürze in meine Kabine, hol die Kamera und beginn nun wie ein Irrer zu knipsen. Die Sonne steigt in wunderschönen Farben aus dem Meer empor und ich hoffe, dass zumindest ein Bild gelungen ist.

Es ist kurz vor 08.00 Uhr, als plötzlich Konturen eines Schiffes hinter uns am Horizont sichtbar werden. Ich starte nochmals das Radar, um seinen Kurs zu bestimmen. Es nähert sich schnell und gerade, als Werner seine Wache beginnt, zieht ein riesiger Tanker an unserem Heck vorbei. Dies war seit unserer Abfahrt von San Sebastian unsere zweite Begegnung mit Schiffen auf See. Wir rätseln, wie viele Schiffe uns bis Mindelo noch begegnen werden, sicher nicht viele!

Während Michi und ich noch faul in der Koje liegen, frischt der Wind auf und Werner setzt vorerst einmal das Vorsegel. Der Motor wird nach 15 Stunden gestoppt und nun ist es auf einmal herrlich ruhig.

Um 10.00 bereiten wir unser erstes Frühstück an Bord zu. Nicht einfach, wenn man nur mit einer Hand herrichten kann, mit der zweiten Hand immer etwas sucht, um sich daran festzuhalten. Doch beim derzeitigen Wellengang ist eine Hand unbedingt zum Festhalten abgestellt.

Während des Frühstückens klammern wir uns irgendwo im Cockpit dann fest und versuchen, Häferln, Thermoskanne, Teller, Besteck, Brotkörberl, Wurst und Käse, Müsli, usw. so gut es geht, entweder aufzufangen, wenn es schon fliegt oder festzuhalten, bevor es zu fliegen beginnt – nicht einfach, aber je mehr wir gefrühstückt haben, umso einfacher wird es.

Anschließend wird das Geschirr abgewaschen, alles weggeräumt und zur Morgentoilette übergegangen. Danach beginnt der Arbeitstag – lacht nicht – auch hier wird gearbeitet. Punkt eins unserer Liste: Setzen des Großsegels, der Wind hat inzwischen von NO auf O gedreht und wir können nun einen Halbwindkurs segeln. Der Windpilot wird aktiviert, jedoch müssen wir uns heute ganz schön anstrengen, bis unsere Tattoo den Kurs, den wir fahren müssen, auch halten kann. Schuld daran ist der Wind (wer sonst?), der leider nicht so konstant bläst, wie es die Windfahnensteuerung gerne hätte. Endlich können wir lautlos über den Ozean gleiten. Punkt zwei: Schleppangel ausbringen.

Arbeit gibt es immer und ausreichend. Wir führen dazu eine Liste, die wie ein Perpetum-Mobile immer in Bewegung ist, also nie endet. Man streicht oben einen Punkt als erledigt weg und schreibt unten einfach einen neuen offenen Punkt dazu. So einfach ist das Leben. Wir haben aber die Freiheit, die Arbeit auszuwählen, je nach aktueller Laune. Es soll damit aber nicht der Eindruck erweckt werden, die Tattoo sei eine ewige Baustelle – ganz im Gegenteil.

Es ist immer wieder erschreckend, was so auf anderen Schiffen los ist, zumindest was wir so bei einem oder zwei Bier zu hören bekommen.

Hier ist so eine Geschichte: Wir sitzen am Abend vor unserer Abfahrt von San Sebastian in einem gemütlichen Gastgarten einer Bar, zusammen mit Christel und Wolfgang von der Liv und Eva und Bernie von der Kismet. Die beiden kommen auch aus Bayern und sind nun schon seit zwei Jahren unterwegs. Begonnen hat die Reise in Berlin, von dort fuhren sie über Kanäle und Flüsse durch Holland, Belgien und Frankreich bis in das Mittelmeer.

In der Straße von Messina, eine der weltweit am stärksten befahrenen Wasserstraßen, sind sie ganz ohne Vorwarnung in einen Sturm geraten. Und dann ging es Schlag auf Schlag: der Motor war plötzlich defekt und zu allem Unglück brach auch noch der Großbaum, sodass die 11m lange Kismet fast manövrierunfähig den kurzen und steilen Wellen und 40 Knoten Wind ausgesetzt war. Zum Glück waren Fischer rechtzeitig zur Stelle und schleppten die Kismet in einen sicheren Hafen. Bei solchen Geschichten ist jeder von uns sehr froh, solchen Erlebnissen bis jetzt entkommen zu sein. Und so soll es bleiben!

Zurück an Bord der Tattoo. Plötzlich merken wir einen Zug an der Schleppleine. Wir erkennen das, wenn sich das rote Gummiband dehnt, welches zwischen Schleppleine und Reling fixiert ist. Und wenn sich das Gummiband dehnt, dann hängt etwas am Haken. Schnell werden alle anderen Arbeiten kurzfristig unterbrochen und alle Utensilien zur Beuteverarbeitung hervorgeholt. Dazu gehört ein Plastikkübel, ein Entschupper -bestehend aus einer 20cm langen und 1 x 1 cm starken Holzleiste, an einem Ende mit einem Kronenkorken bestückt, wie man ihn auf jeder Bierflasche findet und ein Schlachtmesser. Und natürlich ein Totschläger im Format eines Baseballschlägers, nur im Maßstab 1:10. Den bedient Werner, ich muss in diesen Momenten wegschauen.

Werner und Michi rollen die Leine langsam ein, das dauert immer einige Minuten. Plötzlich lässt der Zug an der Leine nach, kurz bevor unser Abendessen mit dem Cacher an Bord geholt werden sollte, gelingt dem Fisch aber die Flucht. Glück für den Fisch – als Trophäe trägt er nun einen Haken unseres Köderfisches im Maul (der Arme), Pech für uns. Die Leine wird wieder zu Wasser gelassen und ausgerollt.

Ich fasse mich kurz: erst im dritten Anlauf gelingt es uns, die Beute an Bord zu bringen. Die Sorte ist uns leider nicht bekannt, wir finden sie auch in keinem unserer Bücher. Eine kurze Beschreibung: Länge ca. 30 bis 35cm, flacher Körper, silberfarben, Bauch gelb, schwarze fast über die gesamte Länge durchgehende Rückenflosse und eine schön gegabelte Schwanzflosse, sehr gut im Geschmack.

Wir speisen heute erstmals im Salon, denn es ist sitzend an einem Tisch etwas gemütlicher. Es gibt Fischfilets mit kanarischen Kartoffeln, Gurke- und Karottensalat.

Mit vollem Bauch segeln wir nun in die zweite Nacht. Der Wind trägt uns mit 12 bis 15 Knoten sanft über die Wellen, wir machen dabei 5,5 bis 6 Knoten Fahrt und wir genießen das Leben.

Unser heutiges Tagesetmal betrug 127 nm, wir sind damit nicht unzufrieden. Seit der Schiffsbegegnung heut in der Früh waren völlig alleine unterwegs.


11.11.2008 – 100 Tage Bordleben
Und auch Faschingsbeginn um 11.11! Ich übernehme die dritte Wache, nach Werner und Michi, von 02.00 bis 04.00 Uhr morgens, und von 08.00 bis 10.00 die letzte Wache dieser Nacht. Der Wind hat an Stärke zugenommen, derzeit ca. 20 Knoten, die Wellen sind damit auch gewachsen und ab und zu verirren sich einige Spritzer Meerwasser in meine Kabine und ich beginne sofort, alle feucht gewordenen Sachen zu trocken zu legen und vom salz zu reinigen.

Die Wache erfordert heute etwas mehr Konzentration als sonst, denn Tattoo hat schon einige (allerdings erfolglose) Versuche unternommen, aus dem Runder zu laufen. Es ist wie verhext, aber wir benötigen sehr viel Geduld und Zeit, bis wir unseren kurs stabil halten können.

Es ist gerade 10.00 auf unserer Uhr, Michi und Werner schlafen noch tief und fest und ich schreibe Tagebuch. Es ist Zeit, das frühstück vorzubereiten. Mein Magen knurrt schon bösartig und ich will ihn nicht noch mehr reizen. Auch heute gibt es einiges zu erledigen. Zu allererst müssen wir unsere Windfahne neu justieren. Ein ständiges Korrigieren des Kurses durch das Hauptruder ist sicher nicht im Sinne des Erfinders. Unser Watermaker, der eigentlich wöchentlich in Betrieb genommen werden soll, liegt nun schon seit fast zwei Wochen in der Achterkabine. Es ist also höchste zeit, wieder einige Liter Salzwasser zu entsalzen. Der Geschmackstest fällt gut aus, obwohl das gewonnene Trinkwasser fad schmeckt.

Die Schleppleine wird auch wieder zu Wasser gelassen. Obwohl der Wind am Nachmittag schwächer wird, machen wir noch immer 5 Knoten Fahrt. Der Kanarenstrom trägt uns auch mit wenig Wind zum Ziel.

Plötzlich fliegt etwas kleines über unser Schiff, macht kehrt und setzt sich für einen kurzen Moment auf Michis Knie. Ein kleiner Vogel in der Größe eines Spatzes hat einen Landeplatz gesucht. Wir sind erstaunt, wie weit sich dieser winzige Vogel auf das offene Meer gewagt hat, denn bis zur nächsten Küste sind es fast 300 km.

Es ist schon am späten Nachmittag, als sich ein leichtes Zucken und Zerren an der Angelschnur bemerkbar macht. Frische Beute hängt am Haken. Michi und Werner holen die Leine behutsam ein und ein Fisch derselben Gattung wie schon am Vortag hängt am Köder. Wir sind sehr erfreut und Michi zerlegt den Fang fachmännisch, bevor er in den Kühlschrank wandert. Denn heut gibt es Fiakergulasch, mit Spiegelei und Essiggurkerl. Statt der Semmelknödel essen wir Brot dazu.

Bevor wir Abendessen, schläft der Wind gänzlich ein und wir starten wieder die Maschine. Es ist auch schon notwendig, die Batterien sind fast leer und müssen geladen werden.

Wir speisen wieder im Salon und einer von uns wirft alle 10 Minuten einen Blick nach draußen. Anschließend wollen wir eine Runde Domino spielen, als die friedliche Einsamkeit durch ein Licht am Horizont unterbrochen wird. Wir starren gebannt auf unseren Radarmonitor. Die Entfernung beträgt ca. 12 nm, wir nähern uns jedoch langsam aufeinander zu. Wir kehren an den Spieltisch und beginnen eine Dominopartie. Regelmäßig werfen wir aber einen Blick in die Ferne und nähern uns langsam an. Das Schiff scheint jedoch ein Fischer zu sein, der nur sehr langsam unterwegs ist, bis wir ihn schließlich an ihm vorbei fahren. In so einem Moment fragen wir uns dann, ob uns der auch gesehen hat?

Es ist stockfinster, der Mond versucht sich einen Weg durch die Wolken zu bahnen und die Luft bewegt sich wieder, sodass wir wieder Segeln können. Also rauf mit dem Großsegel, die Genua ausrollen und die Windfahne einstellen. Der Wind kommt direkt von hinten und wir müssen das Großsegel mit einem Bullenstander sichern. Leider reagiert die Windfahne manchmal etwas zu spät und die Segel stehen back. Wir ändern daher den Kurs und fahren nun in Richtung Süd, um den Wind etwas mehr von der Seite zu bekommen.

Die Wacheinteilung ist etwas aus dem Rhythmus gekommen. Meine Wache ist heute die erste. Immer wieder muss ich den Kurs korrigieren, den der Wind ändert leider ständig die Richtung, er ist einfach etwas zu schwach. Um Mitternacht beratschlagen wir, wie wir es besser machen können. Ich bin froh, in der Koje zu liegen und ein paar Stunden zu schlafen.


12.11.2008 – Alleine
Die Wache von ½ fünf bis um sechs verläuft ruhig, dann nochmals eine Runde schlafen bis um 09.00 Uhr. Ich löse Michi ab und schreibe währenddessen an meinem Tagebuch weiter. Ich genieße diese Zeit sehr – das gefühl, so mutterseelen alleine auf diesem riesigen Ozean zu sein ist einfach irre.

Gestern nach dem Abendessen spielten wir mit voller Lautstärke Wolfgang Ambros, dazu das Meer, der Mond – fast Vollmond – und die Sterne. Ich beobachte immer wieder die Wellen, wie sie sich langsam von hinten heranpirschen, und vereinzelt versucht es eine Welle, in das Cockpit zu gelangen. Und immer wieder suchen wir den Horizont nach Lichtern ab, die aber heute ausbleiben.

Es ist schon ½ zwölf, als Michi und Werner erwachen. Dann gibt es Frühstück. Heute steht nicht viel am Programm. Der Himmel ist strahlend blau und wolkenlos. Heute ist der dritte Tag unserer Überfahrt und wir dürfen duschen. Diese Maßnahme ist sinnvoll, da unsere Wasservorräte nicht sinnlos vergeuden dürfen. Vorher lassen wir die Maschine laufen, damit das Wasser schön warm ist.

Zum Abendessen gibt es Meixis Atlantischen Fischeintopf. Das Rezept zum Nachkochen für drei sehr hungrige Seebären:
Mindestens ein Fisch frisch gefangen, eine halbe spanische Paprikawurst fein geschnitten, 1 Zwiebel, 1 Karotte, 1 Birne, 1 Banane, Nüsse, Salz, Pfeffer, rote Chillipaste – guten Appetit.

Vor der Nachruhe kann ich heute noch einen Sieg im Domino verbuchen.


13.11.2008 - Halbzeit
Die erste Wache von 00.00 bis 02.00 verläuft genauso ruhig wie die zweite von 06.00 bis 08.00 Uhr. Der Himmel ist bewölkt und ich warte vergeblich auf die Sonne. Ein Schiff fährt an unserer Backbordseite vorbei, sonst nichts.

Ich freu mich nach der Wache noch auf ein bisschen Schlaf. Das Sudoku-Rätsel aus Lillis Buch hat mich geschafft. Wir segeln mit ca. 4,5 bis 5,5 Knoten auf Kurs 210° bis 220° und haben nun schon mehr als die Hälfte unseres Weges zurückgelegt. Wir rechnen mit der Ankunft in Mindelo Sonntag am Vormittag, also nach nicht ganz sieben Tagen – vorausgesetzt, es läuft weiterhin so gut.

Nach dem Frühstück geht’s wieder an die Arbeit. Da es unmöglich war, eine Flagge der Kap Verden aufzutreiben, greife ich zu Stoff und Ölkreide und bastle selbst diese Flagge. Die Vorlage mit genauen Maßen habe ich zum Glück schon in Wien eingepackt. Hoch oben unterhalb der Steuerbordsaling werden die farblichen Unterschiede dem Kap Verdischen Zoll hoffentlich verborgen bleiben.

Der Wind wird schwächer, dafür nehmen die Wellen an Höhe zu und irgendwann am Nachmittag rollen wir die Genua ein und motoren wieder.

Pünktlich um 17.00 Uhr Ortszeit (18.00 MEZ) wird das Satellitentelefon eingeschaltet, übrigens täglich, wenn wir uns auf Hoher See befinden. Nun ist zwei Stunden Atlantiksprechstunde. Wir warten nun, dass es klingelt. Das tut es fast nie, kein Wunder bei diesen Tarifen. So nützen wir die Zeit und rufen unsere Liebsten daheim an. Wir wechseln ein paar Worte, geben unser Position und unseren Gemütszustand (bin total auf der Welle, echt super) durch und dann verschwinden wir wieder in der Unendlichkeit des Atlantiks.

Um 18.30 beginnt die Sonne am Horizont zu verschwinden. Um diese Zeit öffnet das Wettbüro. Michi und Werner wetten, wann die Sonne hinter dem Horizont verschwindet. Bis jetzt verschwand die Sonne aber immer schon vorher im Dunst – leider. Dann öffnet die Küche und das Abendessen wird zubereitet. Heute zum Beispiel pikant gefüllte Tortillas: Man nehme sechs Tortillas Mexicana, eine Dose echtes Corned Beef (zur Not kann es auch falsches sein), 2 Paradeiser fein geschnitten, 1 Zwiebel fein geschnitten und frischen Schafkäse, den wir immer dabei haben. Als Beilage empfehle ich Gurkensalat, denn eine Gurke ist noch da. Im Handumdrehen ist alles wieder weg!

Anschließend schnapsen wir uns noch ein Bummerl aus, was aber nichts daran ändert, das Werner heute die Wache als erster antritt. Michi und ich nützen die Zeit zum Schlafen.


14.11.2008 - Schmetterlingsegeln
Heute hab ich wieder von 02.00 bis um 04.00 Wache. Die Stunden davor habe ich herrlich geschlafen, trotz Motorlärm und Schaukeln. Ich lese während meiner Wache, denn es ist vollkommen ruhig um uns herum, wenig Wind und kaum Wellen. Die Zeit verfliegt und um vier kriech ich wieder unter die Decke, bis mich um acht dann Michi wieder weckt. Die Sonne scheint, ein wunderschöner Tagesbeginn – es sieht nach einem guten Freitag aus.

Noch liegen 242 nm vor uns, das sind also bei gleicher Fahrt wie bisher noch zwei volle Tage. Nach einem üppigen Morgenmahl – wir legen nun alle Leinen im Cockpit aus und so kann nichts mehr rutschen – beginnt der Arbeitstag. Michi setzt seinen Antrag einstimmig durch, wieder zu segeln, und zwar mit Schmetterling.

Gesagt, getan, die Segel werden gesetzt – das Großsegel nach Steuerbord und mit einem von achtern. Alle, die mit Segeln nichts am Hut haben, vergessen diese ausschweifenden Beschreibungen – ich bitte um Verzeihung!). Es ist aber wirklich toll. Wir gleiten mit 5,5 Knoten über die Wellen, und das bei nur 10 bis 12 Knoten Windgeschwindigkeit.

Heute wird Brot gebacken, denn die Vorräte sind erschöpft. Anschließend entwickle ich ein viersprachiges Wörterbuch mit den wichtigsten Floskeln und Vokabeln, damit wir uns auf den Kap Verden zumindest ein wenig verständigen können. Man spricht dort nämlich offiziell portugiesisch, jedoch sind die meisten Inselbewohner Kreolen und die sprechen Kreolisch, und das in unterschiedlichen Dialekten. Schnell versuche ich noch, mir die wichtigsten Wörter einzuprägen, um bei der Ankunft einen guten Eindruck zu erwecken und daheim werde ich diese geniale Erfindung patentieren lassen.

Der Tag vergeht in bester Laune und abends sitzen wir im Salon und genießen Reisfleisch mit Karottensalat. Den Rest des Abends verbringen wir im Cockpit und erzählen uns die Träume der letzten Nacht. Ich habe folgendes geträumt: „Ich war beim Frisör, jedoch nicht wie sonst immer, bei meinem Haus- und Hoffrisör, sondern bei einem anderen. Ich wollte nur die Spitzen schneiden lassen, doch der Frisör verpasste mir eine Kurzhaarfrisur. Wie ich aus dem Geschäft ging und mir unbewusst auf das Haupt griff, merkte ich plötzlich eine kahle Stelle, kurz hinter dem vorderen Haaransatz an der Stirne und von der Scheitelmitte abwärts nach beiden Seiten – kreisrund! Aus, wach!“ Alles ist wie vorher, Wache.

Nun sitz ich im Cockpit und bewache das Schiff. Wir segeln ruhig dahin und ich schreibe, vielleicht manchmal etwas wirr, verursacht durch diese unbeschreibliche Stimmung, die ich hier erlebe, an meinem Tagebuch. In dieser unendlichen Weite zeigt sich, auch wenn man weit sieht, sieht man nichts!?

Werner aufwachen, Wache! Werner öffnet die Augen und zieht sich seine Ohrstöpsel aus den Ohren, nona!


15.11.2008 – Der sechste Tag
„Delfine!“ schreit Michi über das Deck. Sofort bin ich aus dem Bett, schnapp mir die Kamera und erlebe ein wunderbares Schauspiel. Ungefähr 30 Delfine begleiten uns nun schon seit einiger Zeit und scheinen mit unserer Tattoo zu spielen. In Gruppen zu dritt, zu viert oder zu fünft, flitzen ihre silbrig glänzenden Körper immer von einer Seite auf die andere, immer ganz knapp am Bug vorbei. Einmal taucht eine Rückenflosse auf, ein anderes Mal springt einer vor Freude aus der Welle und taucht nach ein paar Momenten wieder in das satte Blau ein. Wieder ein Anderer schießt senkrecht aus dem Meer und dreht sich dreimal um die eigene Achse und taucht, mit dem Schwanz zuerst, wieder ein! Es ist ein unglaubliches Erlebnis.

Das Ziel rückt immer näher. Wir sind wahrscheinlich in nicht ganz 24 Stunden in Mindelo. Was wird uns erwarten? Um dieser Ungewissheit zu entgehen, lese ich mir das „Sympathiemagazin – Kap Verde verstehen“ durch und bin nach den vielen positiven Berichten sehr gespannt, ob es auch wirklich so sein wird!

Die letzte Nacht bricht an und wir merken heute zum ersten Mal, das es merklich wärmer geworden ist. Wir führen diesen Umstand auf die Tatsache zurück, das wir uns nun schon sehr südlich befinden.

16.11.2008 – Mindelo, Sao Vicente
Entdeckt am Tag des St Vinzenz am 22. Jänner 1462 von portugiesischen Seefahrern, erblicken wir am morgen des 16.11.2008 im Morgendunst die Umrisse von San Antao, jedoch nichts von Sao Vicente. Wir wissen aber, der Kurs stimmt. Gespannt verfolgen wir an Deck die letzten Seemeilen bis in den Naturhafen von Mindelo, einer laut Reiseführer, verträumten Kleinstadt mit einer sehr gemütlichen Atmosphäre. Kurz nach zehn suchen wir in der Marina Mindelo einen Liegeplatz und während wir unsere Runden drehen, kommt uns ein Marinero im roten T-Shirt im Laufschritt entgegen gerannt und deutet auf einen freien Platz. Wir machen fest und stehen nun seit 172 Stunden das erste Mal. Welch tolle Tage waren diese sieben Tage. Ich möchte keinen Missen.

Wir begeben uns unverzüglich zur Rezeption und melden unsere Ankunft. Kai Brossmann empfängt uns mit einem Händedruck, nachdem ich ihm erzählte, dass uns das Hafenhandbuch seines Freundes Andre, den hier übrigens wirklich viele kennen, an diesen Ort geleitet hat. Wir bezahlen für vier Tage und Michi und ich gehen danach zur Hafenpolizei. Wir unterhalten uns vorher mit den beiden von der „Wanderer 2“, bevor wir uns auf den Weg machen. Nach Abschluss der bürokratischen Formalitäten schlendern wir durch Mindelo entlang der Uferstraße. Auf der einen Seite die Stadt mit ihren Wohnhäusern und Geschäften, riesigen nie fertig gestellten Rohbauruinen und dazwischen steil aufragenden Felswänden. Ein Blick auf die andere Straßenseite zeigt zuerst den Fährhafen, daran anschließend den Fracht- und Containerhafen und am Ende eine Werft mit rostigen Seelenverkäufern. Nun erstreckt sich ein sehr belebter Sandstrand bis an das Ende der Bucht, begrenzt vom tiefblauen Wasser des Atlantiks. Wir werden immer wieder von jungen Kap Verdienern angesprochen. Man bietet uns Hilfe in allen Bereichen an, sei es bei einem Einkauf, einer Inselrunde oder bei arbeiten am Schiff, alles ist möglich. Die Angebote sind aber keineswegs aufdringlich, die Menschen sind sehr höflich und sympathisch.

Abends erkennt ein netter Junge unsere Hunger und führt uns in das Restaurant Pico Pau – wahrscheinlich ist der Besitzer sein Vater oder ein naher Verwandter – und wir werden nicht enttäuscht. Das Essen ist ausgezeichnet. Bevor wir an Bord gehen, kehren wir noch in den Nautic-Club von Mindelo ein und hören den Klängen Kap Verdischer Musik zu. Wir lernen den 43-jährigen Baan kennen, der in Holland aufgewachsen ist, viele deutsche Freunde hat, ein wenig deutsch spricht und uns mit allem Versorgen kann, was wir wünschen – aber auf eine wundersame nette Art.

1 Kommentar:

Agi & Swesi hat gesagt…

Habt Ihr wirklich gut gemacht! Wir sind sehr froh und stolz, daß Ihr diese schwierige Passage so gut gemeistert habt! Alle Achteln! Wir waren dafür am Montag beim Schani und der Weuzl hat eh schon einen Kurzbericht abgeliefert. Der Kiesel ist schon total aufgeregt und freut sich natürlich wie ein Irrer. Das halbe Schani-Beisl verfogt Eure aufregende Reise und jeder gibt seinen Senf dazu (eh kloar). Also dann bis bald, weiter machen so! Bussi Agi u. Swesi