Montag, 19. Januar 2009

16.01 - 17.01.2009 - Menschen

16.01.2009 – In Chateaubelair
Eine sehr lästige Gelse quält mich schon zeitlich am Morgen, trotz aktiver Gelsenfalle und NOBIT. Es scheint aber nichts zu helfen. Irgendwann halte ich es nicht mehr aus. Zeit zum Frühstücken. Nachdem wir ein herrliches Müsli mit frischen tropischen Früchten zu uns genommen haben – fast alle Früchte stammen von unserem gestrigen Einkauf – wollen sich Michi und ich auf St. Vincent noch etwas umschauen.

Wir packen unsere Rucksäcke und rudern an Land. Zunächst müssen wir den Fluss überqueren, der in der Cumberland Bay ins Meer mündet. Michi geht quer durch dass Flussbett, an der tiefsten Stelle immerhin fast hüfthoch, nur mit Badehose bekleidet. Ich wähle eine moderatere Stelle, aber auch noch knietief – die Hose ist nass.

Wir treffen uns am anderen Flussufer wieder, kleiden uns an und gehen dann den Feldweg entlang, bis dieser in eine betonierte Straße mündet. Von dort biegen wir nach rechts und sehen gleich gegenüber, wie ein paar Burschen an einem neuen Lokal arbeiten. „Alvins Island“ ist eine Bar, wo schon jetzt aus riesigen Lautsprechern rhythmische Klänge ertönen. Wir grüßen kurz „all right“ und marschieren weiter, immer einen Blick nach rückwärts werfend, ob sich ein Auto mit überhöhter Geschwindigkeit annähert. Dann empfiehlt es sich nämlich, schnell so weit wie möglich nach rechts auszuweichen. Denn hier wird rücksichtslos und sehr riskant viel zu schnell gefahren.

Die Straße macht eine S-Kurve, gleich danach müssen wir durch eine Zone beißenden Qualms. Neben dem Flussufer werden landwirtschaftliche Abfälle verbrannt. Endlich draußen aus der Rauchwolke. Wir erreichen Spring Hill, ein kleines Dorf inmitten üppig wuchernden Waldes.

Im einzigen Supermarkt des Dorfes kaufen wir Wasser gegen den Durst und marschieren dann eine steil ansteigende Bergstraße hinauf. Links geht es steil hinab in ein Tal voll mit Bambus, Palmen und vielen mir unbekannten Pflanzen, jede für sich ebenso schön, wie gemeinsam in diesem herrlichen Dschungel. Über den Bäumen ist das typische Pfeifen von Falken zu hören – stellt Michi fest. Wir entdecken zwei Bambusstangen, die abgeschnitten neben der Straße liegen und heben sie auf, entfernen die kleinen Triebe und nehmen sie mit. Wer weiß, vielleicht können wir sie eines Tages brauchen.

Bevor wir die Anhöhe der Straße erreichen, müssen wir umkehren. Mit Werner ist vereinbart, dass wir um 13.00 Uhr wieder an Bord sind. Es ist an der Zeit umzukehren. Immer wieder muss ich kurz anhalten, um wieder ein neues Bild mit meiner Kamera einzufangen. Wir gehen bei Spring Hill entlang der Wasserleitung, die das kleine Kraftwerk antreibt. Bevor wir zur Cumberland Bay abbiegen, kehren wir noch schnell in die nun schon eröffnete Bar „Alvins Island“ ein. Dann aber schnell zum Schiff. Michi holt Werner mit dem Dingi an Land und wir trinken zum Abschied noch schnell ein Bier bei „Benis Bar & Res“.

Um 14.00 Uhr müssen wir ablegen. Es geht nun in den Ort Chateaubelair - der letzte „Port of Entry“ – Hafen zum Ein- und Ausklarieren im Norden von St. Vincent. Nach einer Stunde Fahrt werfen wir in der großen Bucht von Chateaubelair unseren Anker, mit ausreichend Kette. Ein Bub, der auf einem Floss sitzt, rudert zu uns und bestaunt uns neugierig. Mit einer Schachtel Buntstifte aus Michis Schatztruhe ist der Bann gebrochen und wir plaudern ein wenig. Ich kleide mich entsprechend für eine offizielle Stelle und rudere an Land, die Schuhe zur Sicherheit im Rucksack. Schnell bin ich in der Nähe des Strandes. Vom Boot aus sehe ich, wie sich die letzte Welle im dunklen Sand des Strandes bricht und mir schwant schon böses. Denn ohne fremde Hilfe komm ich hier sicher nicht trocken an Land.

Und wie wenn sie mich gehört hätten, stehen plötzlich vier junge Burschen neben mir und ziehen mich mit samt dem Dingi an Land – Glück gehabt. Ich bedanke mich und lass mir den Weg zum Zoll beschreiben. Am Weg dorthin bietet sich auch noch ein Fischer an, mich zur Wohnung des Zollbeamten zu führen, denn das Büro ist schon geschlossen. Der Nachbar des Zöllners erklärt, dass dieser heute Nachmittag seinen Urlaub angetreten hat. Kein Problem, dann muss ich zur Polizei, die in diesem Fall die Vertretung macht.

Der Weg ist schnell erklärt und das Polizeiquartier ist nicht zu übersehen. Davor stehen schwer bewaffnete Polizisten in ihren lässigen Uniformen. Einige Männer lehnen an einem Pickup. In der Wachstube ist ein großer Tumult. Ein Mann sitzt in Handschellen hinter dem Pult, davor diskutiert sichtlich die Frau des Verhafteten mit einem der Polizisten. Die Stimmung ist angespannt. Der Sohn scheint nun auch hier zu sein, er bringt Kleidung und Waschzeug für den Täter.

Dann laden die Beamten einen riesigen Busch Marihuana auf ihren Pickup – im Wachzimmer glaubte ich, da liegt noch der Weihnachtsbaum der letzten Weihnachten – und der Verhaftete wird ebenfalls zum Auto geführt. Der Pickup entfernt sich. Langsam kehrt Ruhe ein. Der Anbau von Marihuana ist auf St. Vincent sichtlich für viele Bauern ein nicht unwichtiges Zusatzeinkommen, was man aus den vielen Verkaufsangeboten schließen kann, die man hier überall bekommt.

Endlich hat auch jemand Zeit für mich und eine nette Dame erledigt das Ausfüllen der Formulare. Nach wenigen Minuten ist die Prozedur abgeschlossen. Danach besorge ich noch schnell ein paar Flaschen Limonade für die Burschen, die unser Dingi bewacht haben.

Das Ablegen von Land unter diesen Bedingungen ist noch schwieriger als das Anlanden. Ich versuche, möglichst trocken in das Schlauchboot zu gelangen, doch schon die erste Welle macht alles zunichte. Aber immerhin sitz ich noch im Dingi. Ein größerer Bursch hilft mir über die erste Welle hinweg, dann geht es problemlos zum Schiff zurück.

Mittlerweile hat sich eine Schar von jungen Mädchen und Burschen um unser Boot versammelt und sie stellen neugierig Fragen, die Michi bereitwillig beantwortet. Schüchtern fragen Sie nach etwas Süßem und nach einer Packung Keks bedanken sie sich sehr freundlich und kehren an den Strand zurück.

Abends rudern wir nochmals an Land, um essen zu gehen. Vorsichtshalber setzen wir uns nur mit einer Badehose bekleidet in das Beiboot, die Kleidung und Schuhe in wasserdichter Verpackung im Rucksack dabei. Das Essen, Huhn mit Chips und Salat, schmeckt vorzüglich und ist so billig, wie bisher nirgendwo.

An Bord zurückgekehrt, setzt leider wieder leichter Regen ein. Wir beschließen daher den Abend und legen uns nieder.


17.01.2009 – Es regnet in Strömen
Immer wieder wird meine Nachtruhe unterbrochen, weil mir Regentropfen ins Gesicht spritzen. Dann schließ ich schnell die Luken und leg mich wieder nieder. Nach ein paar Minuten ist das ganze wieder vorbei, ich öffne alle Luken und bin froh, frische Luft einatmen zu können.

Der Wecker läutet um sechs, es ist noch stockdunkel und es regnet in Strömen. Trotzdem müssen wir heute früh ablegen, denn wir wollen diesmal ohne Zeitdruck unser Ziel erreichen. Vieux Fort, die Hauptstadt der Insel St. Lucia, ca. 32 Seemeilen entfernt.

Der Regen scheint heute nicht enden zu wollen. Notgedrungen müssen wir im Salon frühstücken. Das ist bisher nur ganz selten vorgekommen. Ein Blick in das Meer rund um uns ist auch nicht ermunternd. Wir treiben in einer braunen Brühe mit allerlei Unrat, den der Regen von der Straße in das Meer gespült hat.

Kurz nach sieben legen wir bei strömenden Regen ab. Hoffentlich verstopft der schwimmende Unrat nicht unsere Kühlwasseransaugung. Es geht alles gut. Wir erreichen das offene Meer und es regnet ununterbrochen. Glücklicherweise ist es fast windstill und die Wellen sind heute auch harmlos.

Nach eineinhalb Stunden motoren liegt St. Vincent hinter uns. Nun lässt auch der Regen etwas nach. Im Osten sieht man auch schon etwas blau des Himmels hervorstrahlen. St. Vincent liegt aber noch immer unter einer schweren Wolkendecke und wird mit reichlich Nass versorgt. Nicht umsonst ist alles so grün.

Der Wind frischt auf und wir können Segel setzen. Mit sechs Knoten geht es hart am Wind nach Norden. Heute ist die Überfahrt wirklich angenehm. Ein großes Kreuzfahrtschiff kommt uns entgegen. Wir begegnen uns nur mit wenig Abstand. In der Ferne sind die beiden etwa 700m hohen berühmten grünen Felsen vor der Küste von St. Lucia zu erkennen, Gross Piton und Petit Piton. Am offenen Meer begegnet uns ein kleines Motorboot. Der Skipper will uns zu seiner Boje führen, wir lehnen aber dankend Ab. Unser Ziel ist Soufriere, wo wir nach einem Anruf erfahren haben, dass man nun auch hier einklarieren kann. Um 15.30 erreichen wir die Kleinstadt Soufriere. Hier darf man nur mehr an Bojen festmachen, denn durch das Ankern wurden in der Vergangenheit die Korallenriffe stark beschädigt.

Zunächst müssen wir zum Zoll. Ich besteige mit Pässen und Schiffspapieren das Motorboot von Aaron und dieser zeigt mir dann, was 40PS so leisten können. Das ca. 5m lange Holzboot schießt wie ein Pfeil zur Zollmole. Erst ganz knapp davor nimmt Aaron Gas weg und ganz langsam treiben wir nun zum Steg. Naja, es wäre auch gemütlicher gegangen.

Zuerst muss ich Geld abheben. Ich suche einen Geldautomat. Soufriere macht auf mich den Eindruck einer Stadt im Wilden Westen. Die Häuser sind fast alle aus Holz gebaut und haben maximal eine Etage. Vom Hafen kommend biege ich in die Hauptstraße und schon läuft ein Bursche barfuß auf mich zu. Er will Geld. Ich habe aber keines. Er zeigt mir die Bank und wartet davor auf mich. Als ich wieder rauskomme, empfängt er mich mit den Worten: I have no shoes. Please give me money!“ Ich bin aber nicht bereit etwas zu geben, denn diese Masche ist zu billig. Wahrscheinlich hat er seine Schuhe irgendwo stehen gelassen, als er mich sah.

Ich begebe mich zum Zoll. Der Beamte reicht mir das Formular zum Ausfüllen. Dann fragt er mehrmals, ob wir wirklich nur zu dritt an Bord sind, ob wir wirklich keinen Schnaps oder andere alkoholischen Getränke an Bord haben und wie viele Zigaretten Michi und Werner eingeführt haben. Ich gebe eine Flasche Rum und ein paar Dosen Bier zu. Dann werden die Papiere abgestempelt und ich kann zur Einwanderungsbehörde. Auch dort ist alles in wenigen Minuten erledigt.

Wieder an Bord, in ebensolcher Höllenfahrt wie schon zuvor in die andere Richtung, werden wir ständig von schwimmenden Marktfahrern belagert. Obst, traditionelle Kunst, Ausflugsfahrten, usw. werden uns angeboten. Wir lehnen dankend ab. Nur eine kleine Holzschildkröte erstehe ich. Nur einem Däne, der für eine karitative Organisation tätig ist, kaufen wir Bier und italienischen Wein ab.

Abends begeben sich Michi und Werner nochmals in die Stadt, während ich das Boot hüte. Es ist mir einmal nach Ruhe zumute. Nach ca. 1 ½ Stunden kehren meine Genossen wieder zurück. Und wieder beginnt es kurz darauf zu regnen. Die Regenzeit sollte offiziell schon im Dezember geendet haben. Das Wetter kennt keine Regeln.

Keine Kommentare: