30.12.2008 – Grenada
„Schon Christoph Columbus zeigten sich 1498 die Einwohner dieser Insel so unfreundlich, dass er sich damit begnügte, das Eiland La Concepcion zu taufen und schnellstmöglich weiterzusegeln – quasi als erster Kreuzfahrtbesucher der Insel.“ Diese Zeilen fand ich im Reiseführer „Kleine Antillen“ von Ivanowski’s.
Und der erste Eindruck schien das zu Bestätigen: An dieser Unfreundlichkeit hat sich bis heute – so mein erster Eindruck – zumindest an der Bar in der Prickly Bey Marina nichts geändert! Irrtum! Natürlich hat sich etwas geändert! In Barbados waren die Einwohner sehr freundlich und man fand sehr schnell Anschluss. In Tobago waren die Menschen in einer anderen Weise herzlich, und man fand ebenso sehr schnell den richtigen Draht.
Hier in Grenada ist es nicht einfach. Der Gesichtsausdruck vieler Menschen ist starr, kalt, ohne Gefühle, natürlich nicht aller Menschen, und ich glaubte, dass den Insulanern Herzlichkeit fremd ist. Sie scheinen unnahbar zu sein. Aber ich habe mich, sowie Columbus (ohne es zu wissen) gründlich geirrt!
Es gibt glücklicherweise genug Menschen, die auch hier lachen können.
Beginnen wir aber der Reihe nach. Um halb neun starten wir den neuen Tag mit einem Frühstück der üblichen Art. Dann erledigen wir die täglichen Arbeiten. Das Dingi wird gereinigt, kleine Service- und Reparaturarbeiten werden durchgeführt, meine Hängematte wird aufgespannt zwischen Vorstag und Großmast. Später sitzen wir vor dem Computer, schreiben Emails und telefonieren mit Familie und Freunden. Dann bleibt noch etwas Zeit zum Ruhen, bevor wir uns für einen Ausflug nach St. George – der Hauptstadt von Grenada – rüsten.
Der Vize-Manager der Prickly Bay Marina nimmt uns mit seinem Wagen nach St. George mit. Eine wirklich nette Geste des beleibten Herrn. Wir werden bis zur Carenage geführt, dort steigen wir aus dem Wagen. Die Carenage ist eines von zwei Hafenbecken, wo heute einerseits die Frachtschiffe von den benachbarten Inseln Trinidad und St. Vincent an- und ablegen und andererseits die Großen Kreuzfahrtschiffe ihre Fahrgäste für ein paar Stunden „ausspucken“.
Heute ist es aber sehr ruhig. Kaum Menschen auf der Straße. Ich versuche mich, an den kurzen Besuch vor elf Jahren hier zu erinnern. Es hat sich viel verändert. 2004 wurde fast die gesamte Insel vom Hurrican „Ivan“ vollständig verwüstet. Mit viel Einsatz wurde aber alles in kurzer Zeit neu aufgebaut und man merkt heute nichts mehr von der Katastrophe. Es gab damals auch das Restaurant „Rudolf“, dessen gleichnamiger Besitzer aus der Steiermark stammte. Wir erkundigen uns nach dem Lokal und der Manager erzählt, dass das Restaurant schon vor dem Wirbelsturm einem Brand zum Opfer gefallen ist. Und von einem neuen „Rudolfs“ wusste er nichts.
Nachdem wir die wenigen belebten Straßen von St. George auf und abgegangen sind, suchen wir ein Lokal zum Essen. Gar nicht einfach, denn hier ernährt man sich auch in Fastfood-Marnier. Doch wir werden fündig. Im ersten Stock einer Nebenstraße, gleich neben einem Manikürsalon betreten wir die Barlodi-Bar.
Aus der Musikanlage dröhnt extrem lauter Reggae-Sound. Die Barbesitzerin reduziert die Lautstärke, nachdem wir zu verstehen geben, nichts zu verstehen. Sie serviert uns ein typisches Gericht der Insel - Truthahnfleisch mit Brotfrucht und Salat. Außer uns ist nur ein Gast anwesend. Sein Name ist „Tiger“ und er gehört nicht zu den unfreundlichen Insulanern. „Tiger“ ist ein lustiger Typ. Wir unterhalten uns sehr gut und gehen dann noch gemeinsam den Weg entlang der Hafenmauer retour, kehren in eine Bar ein, wo wir den fürchterlich schweren Rum der Insel kosten. Pur nicht zu trinken – ganz anders, als der milde Rum auf Barbados.
Der Silvesterabend scheint auf Grenada nicht viel zu bedeuten. Die Straßen sind fast menschenleer. Hier wird der „New Years Eve“ in Lokalen und Bars gefeiert, nicht aber in der Öffentlichkeit, hat uns der Marina-Manager auf der Fahrt nach St. George erzählt.
Gegen Aufpreis führt uns das Sammeltaxi bis zu unserer Marina. Wir verabschieden uns von „Tiger“. Er gibt uns seine Telefonnummer und bietet uns an, die Insel zu zeigen. Wir werden darüber nachdenken.
Es ist knapp vor Mitternacht. In der Marina ist es totenstill. Nein, nicht ganz. An der Rezeption steht eine kleine Gruppe von Seglern, die hektisch nach Verbandmaterial suchen. Ein Bursche hat sich mit einer Glasscherbe am Kopf verletzt. Erstmals können wir nun mit unserer reichhaltigen medizinischen Ausstattung erste Hilfe leisten.
Mitternacht. Am Horizont steigen Feuerwerkskörper in den Himmel. Donner, Lichtblitze, buntes Flimmern. Nach zehn Minuten ist das Spektakel zu Ende. Wir öffnen Sekt, stoßen an auf ein neues Jahr und steigen bald in unsere Betten.
01.01.2009 – Neujahr in Grenada
Ich wache früh auf und es ist rund um mich noch Totenstille. In der Hängematte genieße ich den Morgen. Langsam kehrt das Leben in der Prickly Bay zurück. Es ist fast Mittag, als wir unser Frühstück einnehmen. Wir haben heute nichts vor. Erholung.
Gegen 15.00 Uhr taucht ein Schiff mit österreichischer Flagge auf. Wir sind schon gespannt, wer die Landsleute an Bord dieses Schiffes sind.
Ich begebe mich mit Kamera und Karte auf einen Spaziergang über Spice Island. Entlang einer schmalen Straße steht eine Villa neben der nächsten, teilweise schön im Stil, teilweise hässliche Gebäude, aber fast alle in Gärten mit üppigem Grün und bunten Blüten. Immer wieder wird an den Einfahrten vor scharfen Wachhunden gewarnt. Und wenn diese Wachhunde dann nicht hinter geschlossenen Toren wachen, dann fühle ich mich sehr unwohl und beschleunige den Schritt, aber unauffällig, um den Wachhund nicht auf mich aufmerksam zu machen. Nach einer knappen Stunde stehe ich wieder in der Marina.
Am Steg erscheint plötzlich ein bekanntes Gesicht. Martin Hammer von der Anima III. Zuletzt hatten wir Funkkontakt während der Überfahrt von den Kap Verden in die Karibik. Nun kommt Martin von Martinique nach Grenada, wo er zwei neue Crewmitglieder aufnimmt.
Martin erzählt von Markus, unserem netten Nachbarn von der „Marionette“ in Mindelo. Dieser ist in der Zwischenzeit fast völlig mittellos, hat leider auf Martinique auch keine Arbeit als Skipper gefunden und führt nun Anja nach Venezuela – ein Irrsinn, denn Venezuela ist wirklich gefährlich, jeder mit etwas Ahnung rät von einer Anfahrt mit dem Schiff ab.
Martin kann viel von seiner Reise erzählen. Wir sitzen nach unserem Abendessen noch eine Weile gemeinsam an Bord. Wir kommen wieder auf das Restaurant „Rudolfs“ zu sprechen. Martin meint, dass es dieses Lokal noch gibt, nur an einem neuen Ort. Angeblich bekommt man sogar Wiener Schnitzel – meint Martin. Für Morgen vereinbaren wir am Vormittag ein Treffen
Um zehn kehrt Martin auf sein Schiff zurück und wir gehen nochmals an die Bar. Ein Amerikaner aus Boston ist gerade angekommen und wir reden über Amerikas neuen Präsidenten. Dieser hat auch in der Karibik viele Freunde, wie wir auch schon in Barbados und Tobago gemerkt haben.
02.01.2009 – St. George
Das Wetter ist sehr wechselhaft. Immer wieder ziehen Regenschauer über die Prickly Bay und dann müssen alle Luken schnell dicht gemacht werden, damit es wenigstens im Schiffsinneren trocken bleibt. Es ist halb zehn, die vereinbarte Zeit, wo wir bei Martin am Schiff sein wollten. In einer Regenpause legt Martin an der Tankstelle an. Wir hatten vor, ein paar Teile beim Nautikhändler zu besorgen und vorher, um halb zehn, am Schiff von Martin vorbei zu schauen. Daraus ist nichts geworden – wir waren zu langsam. Nun fahren wir gemeinsam mit unseren Dingis in die Bucht nebenan. Dort legen wir an einem schönen Holzsteg an und finden fast alle Teile, die auf unserer Tattoo-Einkaufsliste standen, bei einem großen Zubehörhändler.
Bevor wir die Rückfahrt antreten, müssen wir noch den nächsten Schauer über uns ziehen lassen. Ich steige zu Martin ins Dingi, Michi und Werner folgen uns. Nun stoppen wir alle bei der Anima III von Martin und steigen an Bord. Das Schiff ist wirklich schön, doch steckt vermutlich sehr viel Arbeit dahinter. Besser, man weiß nicht alles so genau.
Nachmittags besichtigen wir St. George, eine der schönsten Städte der Karibik. Mit 60% der Einwohner von Grenada ist St. Georg und Umgebung eine große Stadt geworden. Fast alles musste nach der Sturmkatastrophe 2004 neu erbaut werden, aber trotzdem sind die Spuren der Verwüstung noch heute deutlich zu sehen. Die überall sichtbaren Kirchen und andere Sehenswürdigkeiten sind heute noch immer Ruinen und so wie es aussieht, werden sie es auch weiterhin bleiben. Es fehlt an Geld!
In den Straßen herrscht buntes Treiben. Der Marktplatz mit seinen schönen Hallen ist leider auch ein Opfer der Zerstörung geworden und die neuen Hallen strahlen nicht mehr dieses lebendige Marktatmosphäre aus. Rund um die Markthalle verkaufen meist Frauen die Ernte ihrer Böden, während in den Markthallen vorwiegend Gewürze aus Grenada angeboten werden.
Wir betreten eine Markthalle. Die Verkäufer auf ihren kleinen Ständen starren teilnahmslos an die Decke. Nur eine ältere Dame scheint uns bemerkt zu haben und winkt uns heran. Sie verkauft Muskatnuss, Zimt, Safran und viele andere Gewürze, die auf der Insel gut gedeihen.
Am Rand des Marktes dröhnt laute Musik aus Autoradios, man kann sich in Nase oder Ohr piercen lassen oder aktuelle Musik-CD’s erstehen. Überall lehnen vorwiegend Burschen an den Hausmauern und scheinen sich zu langweilen.
Wir marschieren eine steile Treppe zum Fort George, einstmals eine wichtige Verteidigungsanlage, jetzt nützt die Polizei von Grenada die Reste dieser Anlage, um ihre Einsätze zu trainieren. Immer wieder ziehen Schauer über die Stadt und wir müssen dann schnell ein schützendes Dach suchen. Kurze Zeit später strahlt die Sonne wieder vom Himmel und sofort schwitzt man fürchterlich. die Luftfeuchtigkeit scheint heute an die 100% zu betragen.
Am späten Nachmittag besteigen wir ein Sammeltaxi und fahren am Heimweg noch an einem Supermarkt vorbei, um uns mit etwas Proviant für die nächsten Tage zu versorgen. Abends treffen wir Martin mit seinem ersten neuen Crewmitglied, Frieda aus Berlin, die am Nachmittag mit dem Flugzeug angekommen ist. Wir essen Pizza und Martin kann uns wertvolle Tipps für unsere weitere Reise geben. Müde besteigen wir unser Schiff und fallen in die Kojen.
03.01.2009 – Arbeitstag
Heute ist ein Arbeitstag. Es ist schon an der Zeit, unsere Tattoo wieder etwas zu pflegen. Keine wirklich ernsthaften Mängel sind aufgetreten, aber eine Reihe von Kleinigkeiten. Mit einer Ausnahme!
Als wir gestern von unserem Ausflug zurückgekehrt sind, war der Außenborder unseres Dingis fast vollständig unter Wasser und das Boot trieb schlapp an Oberfläche. Martin hat unser Dingi zum Glück noch rechtzeitig mit einer Leine sichern können, denn sonst wäre es wahrscheinlich schon abgesoffen.
Wichtigster Punkt unserer Arbeitsliste ist also die Reparatur unseres Dingis. Ohne Dingi ist man in der Karibik verloren, denn meistens liegt man vor Anker und muss mit dem Beiboot an Land und wieder zurück fahren. Und der Motor ist auch ganz wichtig, denn oft ist der Weg vom Schiff an Land nicht so kurz.
Die Ursache des Lecks ist bald gefunden – ein defektes Ventil. Dafür muss nun ein Ersatz gefunden werden, bis dahin müssen wir die Luftpumpe mitnehmen, um jederzeit Luft nachfüllen zu können. Der Außenbordmotor muss komplett zerlegt und gereinigt werden. Der Vergaser war voll mit Wasser und daher ließ sich der Motor nicht starten. Unser Herd muss auch neu befestigt werden, denn das ständige Pendeln mit schweren Töpfen hat die Aufhängung gelockert.
es gibt keine Langeweile. Wir organisieren heute auch eine Inselrundfahrt für morgen. Der Fahrer des Sammeltaxis, das uns aus St. George zum Supermarkt gebracht hat, hat uns seine Dienste angeboten: Ein Ausflug zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Insel um 150,00 US$ für drei Personen. Michi nimmt die Preisverhandlungen in die Hand und als wir in Prickly Bay aussteigen ist der Preis bei 120,00 US$ für fünf Personen fixiert. Heute einigt sich Michi am Telefon mit dem Fahrer auf 140,00 US$ für sechs Personen. Martin und seine Crew kommen auch mit.
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen