Samstag, 17. Januar 2009

Von Insel zu Insel - 09.01. - 15.01.2009

09.01.2009 – Union Island
Diesen Ort betreten Michi und ich schon zum zweiten Mal in unserem Leben. Vor nicht ganz elf Jahren hat hier mein erster Karibiktörn begonnen. Bevor wir aber in St. Vincent einreisen dürfen, müssen wir noch kurz vor Hillsborough den Anker werfen, um ordnungsgemäß das Land Grenada zu verlassen. Ich rudere an den Strand, wo mich schon eine helfende Hand erwartet, an Land zieht und das Dingi während meiner Abwesenheit bewacht. Dieser Dienst kostet 10 EC$, soviel bezahle ich nach meiner Rückkehr, ist es aber auf jeden Fall wert. Die Ausreiseformalitäten sind schnell erledigt. Ich kaufe noch etwas Obst bei einem Straßenverkäufer und dann geht’s zurück zur Tattoo.

Anker heben und nun auf nach Union Island. Wir segeln bis knapp vor die Küste, dann fahren wir unter Motor bis Clifton. Hier empfängt uns „Skipper“, sein richtiger Name ist Kelvin, einer der vielen Boatboy’s, der uns seine Boje zuweist, Kostenpunkt pro Tag 60 EC$. Ich besteige dann sein Taxiboot und lass mich zum Zoll führen. Das ist wesentlich bequemer als selbst zu rudern, noch dazu, wo in der Bucht der Wind mit ca. 20 Knoten aus Osten bläst und man die Strecke vom Land zum Schiff gegen Wind und Welle rudern muss.

Für 106 EC$ ist die Einreise im Inselstaat St. Vincent & Grenadines auch hier sehr formlos und schnell erledigt. Zum Glück muss man nicht mehr auf den Flughafen fahren, denn nun ist der Zoll auch gleichzeitig die Einwanderungsbehörde. Das Einreiseformular in vierfacher Ausführung ist schnell ausgefüllt und von den netten Damen vom Zoll abgestempelt. Nun dürfen wir auch offiziell in Union Island an Land gehen.

Zurück an Bord trinken wir Kaffee, dann setz ich mich an den Computer und schreibe Tagebuch. Heute steht nichts Wichtiges an. Abends öffnen wir zwei Dosen Chili, essen dazu Brot aus unseren umfangreichen Beständen. Danach besteigen wir unser Dingi und rudern zu „Lambi’s Restaurant“.

Es ist gar nicht so einfach, hier an Land zu steigen. Der Steg ist hoch und nur mit viel Mühe kann ich mich hochziehen. Im Restaurant nebenan ist es sehr ruhig. Nur wenige hungrige Mäuler warten darauf, dass das Buffet eröffnet wird. Manche Gäste überbrücken die Wartezeit mit einem kleinen Schläfchen. Hier sitzen nur Europäer oder Amerikaner.

Vor elf Jahren landeten wir ebenfalls in „Lambi’s Restaurant“, damals noch in sehr jugendlich ausgelassener Stimmung. Wir hatten zu acht einen Katamaran für vierzehn Tage gechartert und fuhren von Union Island nach Trinidad, wo wir den zweitgrößten Karneval der Welt besuchten, und dann wieder zurück nach Union Island fuhren.

Lambis sind eigentlich Meeresschnecken, die wegen ihrer sehr schönen porzellanartigen Schalen leider schon zu den gefährdeten Tierarten gehören. Und so nennt sich auch der Wirt. Er ist eine stattliche Erscheinung. Fast zwei Meter groß und wahrscheinlich 300 Pfund Lebendgewicht, also einige Pfund zuviel – und davon hat er bis heute nichts verloren. Seine Gemeinsamkeit mit Schnecken ist wahrscheinlich sein Tempo.

Lambi sitzt in seinem Restaurant und genießt gerade sein Abendessen, als wir in ansprechen. Sichtlich kann er sich zumindest oberflächlich an uns erinnern, denn seine Freude, alte Gäste zu begrüßen, scheint wirklich echt zu sein. Wir setzen uns dann noch für eine Stunde an seine Bar und hören die erste Steelband auf unserer Reise. Es ist peinlich zu beobachten, wie ungeniert manche Gäste die Musiker aus allernächster Nähe fotografieren. So richtig ausgelassen geht es heute nicht zu. Daher beschließen wir, an Bord zurück zu kehren und bei einem Bier den Abend zu beenden.

Um wieder an Bord zu gelangen, wählen wir nun eine bequemere Variante. Statt selbst zu rudern lassen wir uns für 20 EC$ von einem Taxi zu unserer Tattoo führen, im Schlepptau unser Dingi. Wir sind auch sehr froh, denn der Wind ist noch stärker geworden und die Strecke bis zu unserem Schiff ist doch einige Hundert Meter lang.


10.01.2009 – Alte Bekannte
Das Frühstück fällt heute sehr üppig aus. Eier mit Speck, Müsli mit Mango, Melone und Orange. Es schmeckt köstlich. Dann erledigen wir unsere Pflichten und montieren den Motor an unser Dingi. Denn damit kommen wir wesentlich einfacher an Land, wenn auch nicht immer ganz trocken.

Wir hängen unser winziges Beiboot an einem Holzsteg an und marschieren in den Ort Clifton. Union Island ist nur etwa 7 km² groß, sehr bergig und grün. 2000 Menschen bewohnen die Insel, wobei der Großteil in den beiden einzigen Orten Clifton und Ashton lebt. Der Rest der Insel ist nur sehr spärlich besiedelt.

Seit unserem letzten Besuch hat sich sehr viel geändert. Der Tourismus ist zur wichtigsten Einnahmequelle für die gesamte Insel geworden. Fast 60% der Bevölkerung leben von Seglern und Tagesgästen, die sich für Ausflüge in die wunderschöne Inselwelt rundherum mit kleinen Flugzeugen einfliegen lassen. In der durch ein breites Riff geschützten Bucht vor Clifton liegen viele Ausflugschiffe, die Touren zu den Tobago Keys, nach PSV oder Palm Island anbieten oder Taucher zu den zahlreichen wunderschönen Korallenriffen führen.

Clifton ist auch gewachsen, die Häuser sind bunt gestrichen und in den Gärten blühen tropische Pflanzen. Die in meiner Erinnerung damals noch ärmlichen Verhältnisse der Insel sind einem bescheidenen Wohlstand gewichen. Nur die Frage, wozu man hier auf Union Island ein eigenes Auto benötigt, kann ich mir bei ca. 10 km Straßenlänge nicht beantworten. Aber diese unwichtige Frage scheint hier auch wirklich niemanden zu beschäftigen, denn Autos sieht man hier genauso viel wie an fast jedem anderen Ort der Welt. Trotzdem wird man in Minutenabständen von vorbeifahrenden Taxilenkern gefragt, ob man nicht mitfahren will.

Wir gehen aber zu Fuß vom Flugplatz über die Hauptstraße in den Ort, als wir plötzlich von einem hiesigen grüßt werden und er sich nach unserem Wohlbefinden erkundigt: All right, Guys?“. Nach kurzer Zeit gibt er sich zu erkennen: „I am Hermann, the German“ so der Spitzname des Boatboys. Auch ihn kennen wir schon von 1997. Gestern fragte ich „Skipper“, wie es „Herman, the German“ geht und heute steht er selbst vor uns. Es geht im sichtlich gut und wir plaudern ein wenig über die Vergangenheit. Dann ein kurzer Gruß und „Herman, the German“ verschwindet mit dem hier so typischen Gruß: Eine Faust mit in die Höhe gestrecktem Daumen.

Eine Tafel mit einem Pfeil nach Links weist zur „Blue Pelikan Bar“. Von dieser Bar hat man einen herrlichen Blick über die gesamte Bucht. Außerdem sind die Stiegen mit Nummern versehen, sodass man sich beim Weg nach Hause nicht verirren kann. Ein New Yorker, seine Name ist Mike, hat diese idyllische gelegene Bar vor ein paar Monaten gemietet und scheint hier nun ein neues und bequemeres Leben als zuvor führen zu wollen.

Wir trinken Cola und unterhalten uns wieder einmal über Amerika und seine Präsidenten. Bush scheint wirklich nicht beliebt gewesen zu sein, auch bei den Amerikanern. Anschließend begeben wir uns in „Erikas Highspeed Internet-Shop“, um wie schon an so vielen anderen Orten unserer Reise den Kontakt zur Heimat herzustellen. Und die Homepage muss auch wieder mit den aktuellsten Neuigkeiten und Bildern „gefüttert“ werden. Ich besorge dann noch Gemüse, Obst und Hühnerfleisch für ein Abendessen.

Nachdem wir unser Huhn aufgetaut, in kleine Teile zerlegt und im Wok gebraten haben, muss es nur mehr verzehrt werden. Es schmeckt herrlich. Vor allem das frische Gemüse dazu – Kartoffel, Melanzani, Staudensellerie, Paprika und Paradeiser sind eine Wohltat. Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass es in Ländern mit einem derart fruchtbaren Klima so schwer ist, frisches Gemüse oder Obst zu bekommen. Von den Preisen dafür möchte ich allerdings nicht sprechen, die sind nämlich wirklich extrem hoch. Vielleicht nur für Touristen?

Abends besteigen wir nochmals unser Dingi und legen nochmals in Clifton an. Zunächst besuchen wir die Blue Pelikan Bar. Wir sind die einzigen Gäste und unterhalten uns mit Mike, der das Leben hier zu genießen scheint. Wir wollen gerade aufbrechen, als Stimmen zu hören sind. Sichtlich haben doch auch noch andere die sehr versteckt liegende Bar entdeckt. Zwei ältere Australier, sichtlich schon etwas angeheitert, begrüßen überschwänglich den erfreuten Barkeeper. Mit seiner überheblichen Art nimmt einer der neuen Gäste die Unterhaltung in die Hand. Trotz des seichten Schmähs schätze ich solche Unterhaltungen, denn sie fördern meine Englischkenntnisse. Aber dann haben wir genug an neun Vokabeln gehört, bezahlen und gehen noch in die Twighlight-Bar auf ein Bier.

An Bord legen wir uns bald in unsere Kojen. Draußen pfeift der Wind mit 25 bis 30 Knoten und lässt uns ordentlich auf den Wellen tanzen.


11.01.2009 – Zu den Tobago Cays
Die Tobago Cays sind vier unbewohnte Inseln – Petit Rameau, Petit Beteau, Baradal und Jamesby. Die Ankerplätze zählen zu den Schönsten in der gesamten Karibik.

Wir frühstücken ausgiebig und legen ab, nachdem wir „Skipper“ nochmals 60 EC$ für die zweite Nacht an seiner Boje bezahlt haben. Dann müssen wir noch das Backstag auf der Backbordseite spannen, denn durch die ständige Belastung hat es sich sichtlich etwas gedehnt und nun sind bei starkem Wind Vibrationen im gesamten Schiff zu spüren.

Abgelegt wird knapp nach 11.00 Uhr. Vorsichtig manövriert Werner unserer Tattoo aus der Rifflandschaft von Clifton Harbour. An den aus dem Wasser ragenden Wracks in der Bucht ist zu sehen, dass nicht jeder so vorsichtig war.

Vorbei geht es an winzigen Inselchen, die gerade Platz für eine kleine Strohhütte unter einer Palme und ein paar Tische mit Hockern bieten – eine typische karibische Inselbar. Dann geht es an der privaten Insel Palm Island vorbei und gleich darauf empfangen uns mächtige Wellen. Und nur ein winziger Moment Unaufmerksamkeit sorgt dafür, dass mich eine dieser Wellen aus dem Sitz wirft, direkt in Michis Arme auf der gegenüberliegenden Seite des Cockpits und ich mir dabei den Mittelfinger in der Niedergangstüre einzwicke. Ein kurzer Aufschrei, dann lässt der Schmerz aber auch schon wieder nach.

Nur unter Motor quälen wir uns die kurze Strecke bis zur Einfahrt in die Tobago Cays. Hier muss man mit der so genannten Augapfelmethode navigieren. Anhand der Farben des Wassers hält man sich am besten immer in dunkelblauen Bereich. Dort wo es von Olivgrün bis Braun schimmert, sollte man sich fernhalten – dass sind die gefährlichen Riffe.

In der wunderschönen Bucht ankern etwa vierzig Segler – Werner hat sie gezählt. Michi und ich packen unsere Taucherbrillen ins Dingi und besteigen es. Dann nehmen wir die Ruder in die Hand und rudern wie besessen. Aber wir rudern – nur endlos langsam kommen wir dem weißen Sandstrand näher. Ein guter Mensch in einem motorisierten Schlauchboot scheint die mitleiderregende Szene zu Herzen zu gehen, dass er kurz entschlossen seine Hilfe anbietet und uns an den Strand zieht.

Michi nimmt sofort seine Sachen und springt mit Taucherbrille und Schnorchel in die Unterwasserwelt. Ich erkunde die Insel an der oberen Seite, jedoch ist sie wirklich unbewohnt und es gibt nicht viel zu sehen.

Als Michi zurückkehrt, berichtet er von abgestorbenen Korallenstöcken, wenig bunten Fischen, aber dafür von einer riesigen Schildkröte, die er beobachten konnte. Der Wind ist leider zu stark und das Wasser zu sehr bewegt, sodass sich die Fische wahrscheinlich auch an ruhigeren Plätzen aufhalten.

Abends essen wir Spagetti Carbonara, dann sitzen wir noch im Cockpit und plaudern ein wenig. Der Wind bläst unvermindert heftig und so vereinbaren wir, alle paar Stunden nach dem Anker zu sehen.


12.01.2008 – Auf nach Mayreau
Auch diese Insel ist winzig, ca. 2 km² und von etwa 200 Menschen bewohnt. Sie ist unser heutiges Ziel. Dazu ist auch nur eine sehr kurze Strecke von etwa 4 Nm zurückzulegen.

Die Sonne strahl herab, der Wind pfeift mit unverminderter Stärke, so wie schon die ganze Nacht und die Tage davor. Deshalb habe ich auch wenig geschlafen und immer wieder einen Blick nach außen geworfen, ob sich nicht irgendwo um uns ein Anker gelöst hat. Aber nichts ist geschehen, alle stehen noch am selben Platz wie gestern.

Nach dem Frühstück ziehen wir den Anker hoch und legen ab mit dem heutigen Ziel Salt Whistle Bay im Norden Mayreaus. Wir segeln nur mit einer gerefften Genua und sind nach nicht einmal einer Stunde am Ziel. Ein Ankerplatz in Strandnähe ist auch schnell gefunden. Werner und ich begeben uns an Land, während Michi einen Ausflug mit Taucherbrille und Schnorchel in die umliegenden Riffs macht. Da der Weg an Land nur kurz ist, rudern wir. Mit vereinten Kräften schaffen wir es, doch es ist kein Kinderspiel.

Der Strand ist traumhaft schön. Nur wenige Menschen liegen unter den zahlreichen Kokospalmen. Im Hintergrund stehen aus Stein erbaute Hütten – Liebesnester für Paare, die die Einsamkeit lieben. An der einzigen Bar genehmigen wir uns ein kleines Bier. Ich wandere dann ca. einen Kilometer bis in den Ort der Insel. Die Häuser der Inselbewohner stehen rund um die höchste Erhebung, von wo man einen wunderschönen Blick auf die umliegenden Inseln hat (Union Island, Carriacou, Petit St. Vincent, Petit Martinique, Tobago Cays, Canouan). Das Dorf macht den Eindruck eines lebenden Museums. Überall sieht man Touristen, die wahrscheinlich alle vom Luxusschiff „Club Med“ einen Landausflug machen. Die „Club Med“ ankert derzeit auch vor der Insel.

Abends ist es wieder sehr ruhig. Von den um uns liegenden Booten hört man kaum Stimmen und meist ist es auch finster. Am Strand ist es aber auch totenstill – nur der Wind pfeift unaufhörlich. Wir essen Eierspeise mit Speck, Grammeln und Kartoffeln. Ein wahrlich sehr nahrhaftes Essen. Nach einer Runde „Jolly“ legen wir uns nieder. Der Schlaf wird immer wieder durch heftige Regengüsse unterbrochen. Aufstehen – Luke schließen, und wenn die Regenwolke weiter gezogen ist – Luke öffnen, damit wieder Frischluft in die Kabine rein kann.


13.01.2009 – „Moby Dick“
Die Nacht war unruhig. Die Phasen des Schlafs sind immer wieder durch heftige Windböen und Regenschauer unterbrochen worden. Um acht ist Tagwache. Wir wollen nicht zu spät ablegen, um unser heutiges Ziel, die Insel Bequia, in den Nachmittagsstunden zu erreichen. Auf der Karte beträgt die Strecke etwa 23 Nm.

Aber schon kurz nach der Ausfahrt aus der Salt Whistle Bay empfangen uns hohe Wellen. Und der Wind kommt mit heftiger Stärke aus NO, also genau aus der Richtung, in die wir eigentlich fahren wollen. So müssen wir also den Kurs zunächst einmal auf Nord ändern.

Mit erstem Reff im Großsegel und stark verkleinerter Genua stampfen wir mit 4 Knoten unserem Ziel entgegen. Immer wieder wird das Vorschiff von Brechern überspült. Wir sitzen zum Glück in unserem gut geschützten Cockpit und sind froh, bei diesem Wetter nicht raus zu müssen. Immer wieder hüpft unser Dingi am Heck wie vor Freude in die Höhe und wir wissen, dass es noch nicht verloren gegangen ist. Wahrscheinlich wäre es aber sicherer gewesen, die Luft aus dem Beiboot zu lassen und es an Deck zu holen

Plötzlich sehe ich an der Steuerbordseite eine Wasserfontäne aufsteigen. Zuerst denke ich – eine unterirdische Quelle – so ein Blödsinn – nein – ein Wal, der aber sichtlich nur sehr langsam durch das Wasser schwimmt, oder treibt. Wir beobachten zunächst, ob die Gefahr einer Kollision besteht. Und dann sehen wir, dass dieses riesige Lebewesen die Richtung ändert und nun von uns wegschwimmt. Wir haben den Eindruck, dass der Wal vielleicht nicht gesund sei, denn die Art und Weise, wie er sich nur sehr langsam bewegt hat, sind uns ungewöhnlich vorgekommen.

Wir müssen weiter. Aus den 23 Nm aus der Karte sind dann schlussendlich mehr als 35 Nm geworden, also fast die doppelte Strecke. Wir müssen dreimal wenden, und nur mit Hilfe des Motors erreichen wir knapp vor Einbruch der Dunkelheit die Admirality Bay vor Port Elizabeth. Schon von weitem sind unzählige Maste zu sehen, die in diesem riesigen und wunderschönen Naturhafen vor Anker liegen.

Ein Boatboy empfängt uns, noch bevor wir einen Platz zum ankern gefunden haben und wir nehmen sein Angebot, an einer Boje für 40 EC$ zu übernachten, gerne an.

Wir rudern an Land. Bequia ist das touristische Zentrum der Grenadinen. Die Insel ist bergig und fast durchgehend bewaldet, hat eine Fläche von ca. 18 km² und wird von ungefähr 6000 Menschen unterschiedlichster Herkunft bewohnt.

An Land ist man von vielen Lokalen umgeben und die Entscheidung, welches wir nun besuchen wollen, fällt nicht leicht. Und es ist wirklich Interessant: trotz der vielen in der Bucht liegenden Yachten, es sind sicher weit über hundert Schiffe, sitzen in den Restaurants und Bars nur vereinzelt Gäste. Obwohl von den Schiffen aber auch nur wenig Stimmen zu hören sind, oder kaum ein Lichtschein erkennbar ist – wo sind die denn alle geblieben?

Wir entscheiden uns für ein mexikanisches Restaurant. Die Tortillas, Burittos, Enchiladas, usw. schmecken köstlich. Nach den Tagen der durchaus nicht schlechten Bordküche trotzdem eine willkommene Abwechslung.

An Bord spielen wir dann noch eine Runde Domino. Die Nacht ist heute wieder ruhig und wir können ungestört schlafen.


14.01.2009 – Blue Lagoon
Ich bin schon vor sieben Uhr munter. Erst lese ich „Auszeit“, ein Weihnachtsgeschenk von Pitty, dann setze ich mich an den Computer und schreibe Tagebuch.

„Good Morning“, flüstert eine freundlich klingende Stimme von außen durch meine Luke in der Achterkabine. Ein Boatboy bietet mir frisches Brot und hausgemachten Bananenkuchen an. Für 30 EC$ zwar nicht gerade geschenkt, aber ich gebe ihm das Geld trotzdem gerne, denn das Leben der Menschen hier ist sicher nicht einfach.

Ein Blick auf die Uhr: Viertel neun, Zeit zum Aufstehen! Jetzt wecke ich Werner und Michi. Es gibt Müsli mit Banane, Ananas und dem „berühmten“ Golden Apple – eine Frucht, deren Kern wie ein Kaktus aussieht, aber trotzdem sehr gut schmeckt. Dann erledigen wir flott unsere morgendlichen Pflichten und anschließend rudern wir an Land.

Wir besichtigen das sympathische Port Elizabeth u. beobachten, wie heute hunderte Touristen mit autobusähnlichen Schiffen von einem großen Kreuzfahrtschiff an Land transportiert werden – je Tour etwa 50 Personen. Wir erledigen an Land auch notwendige Besorgungen von Obst, Gemüse und anderen Lebensmitteln. Anschließend schieße ich noch viele Fotos, an Motiven fehlt es hier nicht, während Michi im Internetcafe durch die Welt surft.

Um 13.50 Uhr legen wir ab. Auch heute bleiben uns die „Christmas-Winds“ treu, wie uns Will aus Texas erklärt. Ihn und seine Frau haben wir in der Marina San Sebastian auf La Gomera kennen gelernt. Nun treffen wir uns nach über zwei Monaten auf dieser netten Insel wieder. Die Christmas-Winds sind also die für diese Jahreszeit typischen Passatwinde in der Karibik, die mit 25 bis 30 Knoten anspruchsvolle Bedingungen zum Segeln schaffen.

Sobald wir die gut geschützte Bucht verlassen haben, rollen uns auch schon wieder große und lange Atlantikwellen entgegen. Auch heute müssen wir einen Nordkurs fahren, obwohl das Ziel im Nordosten liegt, die Blue Laagon-Bay auf St. Vincent.

Nach mühevollen 14 Seemeilen und einigen Wenden landen wir in der Blue Lagoon auf St. Vincent. Zum Glück erreichen wir die Einfahrt noch bei Tageslicht, denn in der Nacht wäre das ein gefährliches Manöver gewesen. Die Lichtsignale der Seezeichen funktionieren hier generell nur teilweise. An vielen Bojen liegen Yachten, die hier wahrscheinlich für längere Zeit abgestellt wurden. Die Charterfirma SUNSAIL hat hier auch ihren Stützpunkt.

Wir nehmen uns eine freie Boje in Landnähe und beginnen sofort mit dem Kochen. Heute gibt es Huhn mit Reis und Gemüse. Den Landgang sagen wir dann wegen Müdigkeit kurzfristig ab.


15.01.2009 – Cumberland Bay
Nach dem Frühstück rudern wir auf das Marinagelände der Firma SUNSAIL. Werner hat im Hafenhandbuch gelesen, dass man sich hier gegen Unkostenbeteiligung duschen kann. Die nette Dame in der Rezeption spricht deutsch und erhört unsere Bitte – nach kurzer Überlegung gestattet sie uns die Benützung der Waschräume, und das sogar kostenlos.

Wir plaudern dann mit ihrem Mann, er ist hier der Stützpunktleiter, noch über die Möglichkeiten eines Rücktransportes unserer Tattoo nach Europa. Er mein aber, dass aufgrund der hohen Kosten auch Charterfirmen mittlerweile diese Überführungen nicht mehr durchführen lassen. Andere Möglichkeiten sind aber auch kaum vorhanden. So schwinden unsere Hoffnungen, dass Schiff auf diesem Weg zurück zu bringen, immer mehr. Er ist aber selbst die Route schon gesegelt, und meint daher, nur der richtige Zeitpunkt der Abfahrt ist wichtig.

Nach dieser Plauderei marschieren wir noch kurz in die nächste Ortschaft, um Brot zu besorgen. Zurück an Bord, legen wir ab. Die Strecke in die Cumberland Bay ist ca. 10 Seemeilen lang. Wir segeln vorbei an einer wunderschönen Küste, an einsamen Palmenstränden, jedoch mit schwarzem Sand, denn die Insel ist vulkanischen Ursprungs. Hier an einem dieser Strände wurde der Film „Fluch der Karibik“ mit Jonny Depp gedreht. Man kann sich das durchaus gut vorstellen.

Im Handbuch „Karibik 1“ schreibt der Autor, dass die Cumberland Bay eine der wildesten und schönsten Buchten von St. Vincent sein soll. Er schreibt aber auch, dass in diesem Gebiet die Armut daheim ist. Man wird von alten und jungen Männern in winzigen Booten oder auf Surfbrettern empfangen. Jeder will sein Geschäft machen - Landleine übernehmen, frisches Brot, tropische Früchte, usw.. Auch sollte man sein Schiff immer gut verschließen, wenn man es verlässt, denn Diebstähle sind nicht selten.

Und es ist im ersten Moment genauso, wie im Buch beschrieben wird. Schon an der Einfahrt erwartet uns ein älterer Mann in seinem Boot. Er gestikuliert wild mit seinen Armen, wir können die Handzeichen aber nicht verstehen. Erst nahe genug, verstehen wir, dass er die Landleine übernehmen will. Wir einigen uns dafür auf 15 EC$ - das sei sehr wichtig, um spätere Unstimmigkeiten zu vermeiden, meint der Autor unseres Hafenhandbuches. Dann werfen wir den Anker und fahren nun im Retourgang in Richtung Strand, zwischen eine französische Yacht und einem Katamaran. Unser Helfer bindet die Landleine zu weit links an eine Palme, sodass wir immer näher an die französische Yacht treiben. Erst nachdem die Leine umgelegt ist, können wir den Motor abstellen.

Mittlerweile haben sich fünf Boote und Surfbretter um unsere Tattoo versammelt. Rund um uns kommen Hände mit Orangen, Bananen und anderen tropischen Früchten über Bord. Eine Speisekarte wird uns überreicht. Unser Landleinen-Mann vertritt auch zugleich „Benis Bar & Restaurant“. Wir werfen einen Blick auf die Karte und damit ist die Entscheidung schon getroffen. Heute Abend kehren wir bei „Benis“ ein. Nun sollen wir auch noch entscheiden, was wir heute essen wollen - Schwein vom Grill. So schnell geht das also.

Anschließend füllen wir unsere Bordküche noch mit frischen Früchten. Jedem kaufen wir ein paar Früchte ab. Es ist bedrückend, wie die Menschen hier sichtlich wirklich noch in großer Armut leben, während es z.B. rund um die Blue Lagoon sehr nach Wohlstand aussah. Und dazwischen liegen gerade 10 Seemeilen.

Die Nacht ist die karibischste bisher. Nach einem wunderschönen Sonnenuntergang rundern wir an Land. Es sind nur wenige Schritte zu „Benis Bar & Res“ – wie in bunten Buchstaben an der Holzwand zu lesen ist. Wir sitzen bei Kerzenlicht und warten auf unsere Speisen. Außer uns ist kein anderer Gast zu sehen. In der Hütte probt die Steelband für ihren heutigen Auftritt. Es klingt etwas derb und laut.

Doch dann kommt alles anders. Unsere Teller sind voll mit Fleisch, Gemüse und Reis und es schmeckt herrlich. Währenddessen sind noch Gäste aus Schweden eingekehrt. Die Steelband spielt nun auch schon, und wie. Es ist traumhaft, die Musik kommt aus dem Herzen, wir sind einfach überwältigt und applaudieren fleissig.

Irgendwann hat auch dieser Abend ein Ende. Wir kehren auf unser Schiff zurück und wie schon öfters beginnt es kurz danach zu regnen – es ist Zeit zu schlafen!

Keine Kommentare: