13.02.2009 - Ruhetag
Zur Vorbeugung eines Muskelkaters habe ich mir gestern, vor dem Schlafen gehen, die Beine mit Franzbrandwein eingerieben. Wahrscheinlich habe ich zu wenig davon erwischt, denn die Anstrengung des gestrigen Tages spüre ich trotzdem in jedem Muskel meiner Beine.
Aber um 08.30 beginnt der Tag für mich. In der Nacht hat es wieder oft geregnet und an Deck ist alles Feucht. Ich hole meine Wanderschuhe hinein, denn die sind im Regen gestanden und kein bisschen trockener seit gestern.
Ich kleide mich an, hänge mir meine Rucksack um und nehme die Bordkasse zu mir. Ich rudere an Land und marschiere in die Bäckerei, um frisches Brot zu kaufen. Wieder zurück, ist das Frühstück schon fertig zubereitet und wir lassen es uns schmecken.
Nach dem Morgenmahl pflegt heute jeder die eigenen Vorlieben. Michi schwimmt, Werner putzt die Salondecke, Gabi schreibt Postkarten. Plötzlich entdeckt Michi unter der Tattoo einen großen Fisch, im Wasser etwa ein Meter, ob Thunfisch, Barakuda. Oder sonst was ist nicht klar zu erkennen und Michi ruft Werner zu, das er die Angelschnur sofort ins Wasser lassen soll. Doch dieser Fisch ist nicht dumm. Vorsichtig beäugt er den Köder, umkreist ihn, scheint aber nicht hungrig genug zu sein um Anzubeißen und entfernt sich kurzer Zeit aus dem Sichtfeld.
Die Angelleine hängt bis am Abend im Wasser, aber kein Fisch scheint daran Interesse zu finden. Es ist später Nachmittag, etwa 16.00 Uhr. Ich rudere an Land mit einer großen Einkaufsliste und gehe die Hauptstraße in Richtung Roseau. Einmal ein „ya man“ nach rechts, dann nach links, jeder grüßt, man fühlt sich wohl unter den Dominicas.
In Roseau angekommen, suche ich zuerst den hypermodernen Supermarkt auf, der sich unweit des Stadions von Roseau befindet. Aber auch hier gibt’s keinen echten italienischen Parmesan. Ich nehme einen Gouda als Ersatz und ein Glas Mayonnaise, dann zahle ich und halte nach wenigen Metern am Gehsteig gleich nach dem Supermarkt bei einer alten Dame, die Karotten und Paradeiser verkauft. Genau das steht auch auf meiner Einkaufsliste. Mühevoll versucht sie mir zu zeigen, was das alles kostet. 17,50 – siebzehnfünfzig, okay! Ich bezahle und gehe weiter in Richtung Markt. Heute ist Markttag. Und es sind noch viele Stände geöffnet. Das Angebot ist meist sehr ähnlich. Kürbis, Yams, Pasternaken, Karotten, Papaya, Mango, Zitrusfrüchte, und, und, und. Kauft und zahlt man an einem Stand Gemüse oder Obst, dann nähert sich sofort eine offene Hand von irgendeiner Seite und erwartet das Wechselgeld oder zumindest einen Teil dessen in dieser Hand.
Aber diese Momente sind rar und für Dominica nicht typisch. Mit dem Sammeltaxi begebe ich mich auf den Rückweg. Nachdem ich wieder zurück an Bord bin, beginnt die Sonne am Horizont zu versinken. Dieser Sonnenuntergang ist herrlich, heute verdeckt fast keine Wolke den Himmel.
Das Abendessen: Spagetti mit Tomaten, Knoblauch, Basilikum. Köstlich!
Wir sitzen und plaudern. Es ist hier wirklich sehr schön. Ich bin froh, das wir ein zweites Mal in Dominica angelegt haben. Schlaft gut!
14.02.2009 – Scotts Head und Champaigne Riff
In der Nacht hat es zwar wieder geregnet, als aber die Sonne durch die Luke strahlt, und ich einen Blick nach draußen werfe, ist davon nichts mehr zu sehen. Wir frühstücken üppig wie meistens, dann packen wir unsere Rucksäcke und warten auf Dexter.
Pünktlich um 11.00 Uhr legt Dexter an der Tattoo an. Wir steigen in sein Motorboot und nach wenigen Momenten steigen wir am Steg des Anchorage Hotel an Land. An der Hoteleinfahrt warten wir auf Dexter, der sein Boot an eine Boje hängen muss. Nach wenigen Momenten hält ein Minibus, indem Dexter neben dem Fahrer sitzt.
Es geht entlang der Küste. Nach dem Ortsende wird die Straße plötzlich breit und komfortabel. Man meint, man fährt auf einem Highway. Vorbei geht’s an dem großen Steinbruch, wo an der Küste im flachen Wasser, gegenüber dieser Narbe in der grünen Haut, ein riesiger Schwimmkahn darauf wartet, mit Schotter für andere Orte auf dieser Insel beladen zu werden.
Dann kommt man in kleine Ortschaft. Die kleinen Hütten stehen direkt an der Straße und eine Hälfte der Fahrbahn existiert nicht mehr. Sie wurde vom letzten Hurrikan abgerissen und dem Meer übergeben. Menschen sitzen in ihren Eingangstüren und grüßen jeden, der vorbei kommt. Am Ende des Dorfes entfernt sich die Straße von der Küste und verläuft kurvenreich durch tropischen Regenwald. Wir fahren am Champaigne Riff vorbei, wo wir dann bei der Rückfahrt einen Halt machen werden.
Die Straße fällt ab zur Küste und wir erreichen am Meer die kleine Ortschaft Soufriere. Die Straße teilt den Ort in ein oberhalb und ein Unterhalb der Straße. Auf beiden Seiten stehen fröhlich bunte Hütten, dazwischen tummeln sich viele Menschen. Das letzte Stück der Straße führt zuerst über eine staubige und Enge Baustelle, danach ist der Bau abgeschlossen und man fährt auf einer ganz neuen und breiten Betonpiste.
Scotts Head liegt am Ende dieser Straße. Scotts Head ist ein kleines Fischerdorf direkt zwischen Atlantik und Karibik. Dexters Heimat. Er zeigt uns die Schule, die Kirche, sein Elternhaus. Dexter ist Fischer, wenn keine Yachten in Roseau anlegen. Stolz zeigt er uns sein selbstgebautes Boot – God is Good – der viel sagende Name des Bootes.
Wir gehen über die schmale steinige Landzunge - links Atlantik, rechts Karibik. Die große Bucht vor Scotts Head und Soufriere ist ein Naturschutzgebiet. Ankern ist verboten. Nur die Boote der Fischer dürfen hier liegen. Und die Boote, die die vielen Taucher an diesen schönen Platz bringen.
Gabi, Michi und Werner schnorcheln entlang des Felsens, der sich im Anschluss an die schmale Landzunge aus dem Meer erhebt und mit Gras bewachsen ist. Ich sitze am Ufer auf einem Stein und sehe mir das türkisblaue Meer aus dieser Perspektive an. Ein Verkäufer bietet mir frisch geerntete Kokosnüsse an. Ich nehme zwei und lass mir eine mit der Machete öffnen. Die Milch ist schmackhaft und warm, das Fruchtfleisch ganz zart.
Werner kommt an Land, etwas später auch Gabi und Michi. Das Meer ist hier voller bunter Fische, Korallen und anderen Schönheiten, die Michi mit der Unterwasserkamera geknipst hat. Die Taucher kleiden sich um und wir wandern zurück in den Ortv Scotts Head zur Bushaltestelle. Es ist nicht viel los um die Mittagszeit. Ein paar Kinder spielen am Strand, Fischer sitzen im Schatten und unterhalten sich.
Nach wenigen Minuten kommen gleich drei Busse hintereinander. Wir nehmen den zweiten und fahren nun die gleiche Straße zurück bis zum Champaigne Riff. Hier gibt es auf dem Meeresboden Schwefelquellen, aus denen ständig heiße Dampfwolken aufsteigen. Der Bus hält direkt vor der Einfahrt zu diesem Strand. Gleich am Eingang erwartet ein Bursche, dass man sofort 5 EC$ bezahlt, wenn man mit Taucherbrille und Schnorchel das Meer erforschen will. Wir einigen uns, dann zu zahlen, wenn wir auch wirklich tauchen waren. Er ist einverstanden.
Es gibt hier traumhaft schöne Fische, Korallen und überall stiegen kleine Luftblasen vom Boden auf. Es sieht wundervoll aus. Irgendwann kehren wir an den Strand zurück, trocknen uns ab und kleiden uns an. Dexter kommt mit dem Bus und holt uns wie vereinbart ab.
Ein privater Bus der „Kirche der Nazarener“ macht sich zur selben Zeit auch am Weg nach Roseau. Dexter erkennt die Situation, und schon sitzen wir im Bus und werden kostenlos bis zu unserem Steg beim Anchorage Hotel geführt.
Michi und Gabi fahren noch nach Roseau mit, um vielleicht noch einen Fisch für das Abendessen zu bekommen. Es gibt aber nur mehr eingesalzenen Fisch. Als Beilage Reis und Gemüse brät Gabi den Fisch in der Pfanne. Leider ist der Fisch aber stärker gesalzen, als wir vermutet haben. Leider, denn sonst wäre die Speise traumhaft gut gewesen.
Unterwasseraufnahmen vom 04.02. und 14.02.2009
Die Unterwasseraufnahmen wurden mit einer PENTAX Optio W30 - Digitalkamera in Martinique in der Grande Anse d’Arlet von Patricia aufgenommen, in Dominica in Scotts Head und am Champaigne Riff von Michi.
Bildindex
Reihe 1
1162 Juwelen-Riffbarsch vor Riff-Sternkoralle
1194 Aufsteigende Dampfblasen aus Schwefelquellen (Champagne Riff, Dominica)
1195 Aufsteigende Dampfblasen aus Schwefelquellen (Champagne Riff, Dominica)
0897 Schlangenaal (Grande Anse d’Arlet, Martinique)
0931 Mexikanische Seegurke (Grande Anse d’Arlet, Martinique)
0942 Blaugefleckter Flötenfisch (Grande Anse d’Arlet, Martinique)
Reihe 2
0934 Warziger Seestern (Grande Anse d’Arlet, Martinique)
1098 Gestreifter Sergeant, Riff-Sternkoralle
1103 Seefächer (Nesseltier)
1106 nicht zuordenbar, Seefächer
1110 Röhrenschwamm (Art nicht eindeutig zuordenbar, wahrscheinlich Vasenschwamm)
1113 Riff-Sternkoralle und im Inneren eine Geweihkoralle
Reihe 3
1115 Riff-Sternkoralle, davor Juwelen Riffbarsch
1119 Gelber Röhrenschwamm und Riff-Seeigel
1121 Seefächer
1122 Perlen-Kofferfisch
1128 Taucher
1131 aufsteigende Luftblase
1154 Kaiserfisch (nicht eindeutig)
Reihe 4
1180 Blauer Doktorfisch
1184 Nicht zuordenbar
1191 Riesenhornhecht oder Kielschwanz-Hornhecht
15.02.2009 – Ravioli Lover
Wir verlassen Roseau. Unser Ziel ist die schöne Prince Rupert Bucht im Norden Dominicas. Dexter kommt vorbei, um sich von uns zu verabschieden. Er ist wirklich ein lieber Mensch. Wir tauschen unsere Adressen aus und Dexter will wissen, ob wir nächstes Jahr wieder kommen. Ich würde sehr gerne wieder kommen, doch glaube ich nicht, dass es nächstes Jahr sein wird. Irgendwann bin ich sicher wieder auf dieser Insel, die soviel an wunderschöner Natur und sympathischen Menschen zu bieten hat.
Wir heben den Anker und fahren an die nahe gelegene Tankstelle, um unsere Diesel- und Wassertanks zu füllen. Dort treffen wir auch „Roots“ noch einmal, der wieder versucht, für seine nicht erbrachten Dienste, Geld zu fordern Doch auch heute beißt er auf Granit. Denn seine Art, Geld für etwas zu fordern, das entweder von uns schon bezahlt wurde – wie etwa die Hilfe für das Legen der Landleine - oder für die nicht vorhandene Führung zu den Victoria Wasserfällen, ist mehr als unfreundlich. Seine Bekanntschaft war eine Enttäuschung. Wir lassen uns nicht erpressen. Wütend murmelt er irgendwelche Verwünschungen in seinen Bart und verzieht sich grußlos. Das können wir aber verkraften.
Mit vollen Tanks geht es nun ca. 22 Seemeilen nordwärts. Wir sind noch etwa eine Stunde von unserem Ziel entfernt, als ein kleines Motorboot auf uns zukommt. Und wer sitzt drinnen? Ravioli - mit lachendem Gesicht begrüßt er uns freundlich! Mit ihm sind Patricia, Lilli, Pauli, Werner und ich vor zwei Wochen am Indian River gewesen. Wir freuen uns beide über dieses Wiedersehen und vereinbaren, uns nach dem Ankern nochmals zu treffen, um für morgen einen Zeitpunkt für eine Tour am Indian River zu vereinbaren.
Wir rudern gegen 17.00 Uhr zum Steg des „Purple-Turtle-Restaurants, um für heute Abend zu bestellen. Wir einigen uns auf Huhn und Fisch. Das essen war hier schon vor zwei Wochen ausgezeichnet. Um 19.00 sitzen wir hungrig auf der Terrasse und freuen uns schon auf das heutige Menü.
Zuerst gibt es eine Callaloo-Soup, ähnlich einer Spinatsuppe, sehr angenehm scharf gewürzt. Dann wir ein Teller mit Salat, Reis, Nudeln, Kochbananen und Dashes, Bohnen serviert – das sind die Beilagen. Zum Schluss bekommen Werner und Michi Huhn, Gabi und ich Fisch. Das Essen schmeckt wirklich köstlich. Zum Nachtisch können wir noch zwischen Kuchen und Eis wählen. Der Kuchen ist ein Traum. Glücklich und Zufrieden rudern wir zu unserer Tattoo.
Müde fall ich heute schon sehr früh in die Federn, denn sichtlich war der Tag anstrengender, als es den Anschein hatte.
16.02.2009 – Indian River, diesmal am Nachmittag
Schon in der Nacht ist es sehr windig. Immer wieder zerren heftige Böen an der Ankerkette. Durch ein dumpfes scherendes Geräusch ist das zu spüren. Dafür ist es angenehm kühl im Salon. Der erste Blick durch die Luke lässt für heute kein gutes Wetter erwarten – schwere graue Regenwolken hängen über den Bergen und immer wieder spürt man feine Tropfen, die der Wind vom Land herüber bläst.
An Bord schlafen noch alle, außer mir. Kurz nach 08.00 Uhr mach ich mich am Weg, um frisches Brot zu besorgen. Ich rudere zum Holzsteg vor dem Purple-Turtle-Restaurants und marschiere nach Portsmouth. In einer kleinen Holzhütte neben der Straße riecht es nach frischem Brot, hier bin ich richtig. Ich beeile mich wieder zurück an Bord, wo Michi und Werner auch schon fleißig am werken sind.
Um 13.15 - schon etwas spät - fahren Michi und ich nochmals an Land. Wir wollen für morgen einen Leihwagen reservieren und wenn es möglich ist, auch Lebensmittel besorgen. Flotten Schrittes marschieren wir in Richtung Ortszentrum. Doch der Weg ist nicht zu unterschätzen, knappe zwei Kilometer sollen es angeblich sein. Wir fragen in einem Geschäft nach einem Autoverleih und die Dame hinter im Minimarkt beschreibt uns den Weg zu „Silver Lining“. Gleich nach der Brücke über den Indian River, noch vor der Bank finden wir den Autoverleih.
Es ist nicht zu übersehen, die Wiese mit den vielen parkenden Autos. Eric George, der Chef, begrüßt uns sehr freundlich. Er kennt Österreich und Wien, und so ist es nicht verwunderlich, dass er unsere Herkunft schnell erraten hat. Schon seit vielen Jahren besucht ihn ein Freund aus Wien regelmäßig auf Dominica, erzählt er uns freudig. Und Eric war auch schon einmal in Wien, im Prater und in Schönbrunn.
Wir lassen uns eine Suzuki Escudo, einen bequemen Geländewagen mit Allradantrieb,
reservieren. Michi schlägt dann noch einen Rabatt von 5 US$ heraus, bei einem Preis von stolzen 60 US$ zumindest eine kleine Ersparnis, bevor wir uns flotten Schrittes wieder am Rückweg machen. Es ist schon 14.15 Uhr - um 15.00 soll Ravioli kommen, um uns vom Schiff abzuholen.
Michi muss noch zur Polizeistation, um sich eine Lenkerlizenz für den Leihwagen zu lösen. Das ist auf fast allen Inseln der Karibik notwendig, um einen Leihwagen lenken zu dürfen. Auch wenn man im Besitz eines internationalen Führerscheins ist. Aber damit lässt sich das Staatsäckel halt auch ein wenig füllen.
Währenddessen hole ich meine Einkaufsliste heraus und begebe mich von einem Supermarkt zum nächsten. Die Ausbeute ist leider gering, denn die Regale sind eher leer. Manche Lebensmittel, wie Yoghurt zum Beispiel, sind derzeit hier überhaupt nicht zu bekommen.
Mit dem typischen Cheddar-Käse und Brot warte ich beim Purple-Turtle-Restaurant. Michi kommt keuchend an, er hat am Weg in jedes Geschäft geschaut, ob ich noch irgendwo stecke. Flott rudern wir zurück und kommen gerade noch rechtzeitig zurück. Ravioli ist gerade am Weg zu uns. Schnell verstauen wir noch unseren Proviant, dann steigen wir in das Motorboot unseres Führers.
Heute sind wir fast alleine am Indian River. Ravioli macht seine Arbeit sehr gut. Wir sehen gleich an der Mündung einen Reiher und ein Mohrhuhn. Die Mohrhühner wurden von den Engländern auf die Insel gebracht, erzählt uns Ravioli. Es gibt 21 Arten von Krabben auf Dominica, wovon wir ein schönes rotes Exemplar an der Abzweigung zu einem Nebenarm am Ufer entdecken. Hier in der Nähe befindet sich eine Stelle, an der eine Szene aus „Fluch der Karibik“ gedreht wurde. Dann geht es entlang des wunderschönen Flusses stromaufwärts. Unter einer dieser riesigen Wurzeln eines Mangrovenbaumes liegt eine Riesenkrabbe in perfekter Tarnung auf Nahrungssuche. Sie ist nur deshalb zu erkennen, weil sie mit dem Ruder aufgescheucht wird und ärgerlich ihren Platz verlässt.
Wir legen an einem Steg an und wandern noch ein Stück durch den dichten Regenwald neben dem Fluss einen schmalen Pfad entlang. Das Flussbett ist hier nur mehr ein Flüsschen, fast schon ein Bach. Rund um uns wachsen riesige Bäume mit ebenso riesigen Blättern, der lehmige Boden ist weich und an manchen Stellen versinkt man tief darin.
Während wir so durch diese üppige und wunderschöne Natur wandern, erzählt Ravioli aus seinem Leben. Von seiner Schulzeit, die er schon mit elf Jahren beenden musste. Er musste seiner Familie bei der Ernte helfen. Als er dann wieder zurück zur Schule wollte, sagte ihm Schwester Gisela eiskalt, man habe schon vierundfünfzig Nichtsnutze und einen fünfundfünfzigsten bräuchte man nicht mehr. Von seiner Mutter, die vor einem Jahr verstarb – hier kann er seine Tränen nicht mehr zurückhalten und muss seiner Trauer freien Lauf lassen. Auch erzählt er von seinem behinderten Bruder, der viel mehr Zuwendung benötigen würde, und natürlich fehlt es an allem, auch wenn sich seine Geschwister und er noch so sehr Mühe geben. Ravioli ist heute 32 Jahre alt und er bereut es sehr, dass er keine ordentliche Ausbildung besitzt.
Zurück am Ausgangspunkt unseres Spazierweges bestellt sich jeder von uns in der romantischen Dschungelbar einen schmackhaften Punsch mit Passionsfrüchten.
Leider müssen wir kurz vor Sonneuntergang den Rückweg antreten. Es ist fast dunkel, als wir auf unsere Tattoo klettern. Am Fluss fliegen Fledermäuse um uns herum, zumindest ein paar von den insgesamt 14 Arten, die hier auf Dominica beheimatet sind. Einen Papagei haben wir auch kurz zu Gesicht bekommen, aber eben nur kurz. Denn der hat sich in einer Baumkrone verschanzt und dann mit hühnereigroßen Baumsamen auf die neugierigen Beobachter geschossen. Außer uns hat sich nur noch eine Gruppe französischer Touristen am Indian River aufgehalten.
Zum Abendessen gibt es heute Thunfischsalat. Gerade als wir mit dem Essen fertig sind, klopft es am Rumpf. Ilona und Bodo, die beiden Deutschen vom „Ausreisser“ kommen vorbei, um Bücher zu tauschen. Wir sitzen dann noch einige Stunden gemütlich zusammen und unterhalten uns über Dies und Das. Es ist sehr interessant, was die beiden erlebt haben, denn sie kommen aus der DDR und Bodo hat sowohl den Mauerbau, als auch den Mauerfall selbst miterlebt. Beiden haben jeweils zwei erwachsene Kinder und haben sich vor drei Jahren kennen gelernt. Nun segeln sie so wie wir ein Jahr durch die Karibik. Wir tauschen Telefonnummern aus und verienbaren, dass wir uns vor dem Karneval auf Guadeloupe treffen werden.
17.02.2009 – Carib Territory
Um 07.30 stehen wir heute auf. Ich bin schon etwas früher auf den Beinen, um Wäsche zu waschen. Dann wird gefrühstückt, aber heute nur einfach. Jeder muss noch schnell ins Bad, bevor wir um 08.30 das schiff verlassen. Knapp vor 09.00 erreichen wir den Autoverleih. Gabi, Werner und ich gehen nebenan zur Bank, um Geld für die Bordkasse abzuheben.
Bevor wir uns auf die Fahrt begeben, besprechen wir noch kurz unsere Route: Zuerst fahren wir in den Norden bis nach Capucin. Dann müssen wir wieder ein Stück zurück bis zur Northern Link Road. Diese führt an die Ostseite der Insel. Hier liegt das „Carib Territory“, das wollen wir unbedingt besuchen. Der Rückweg führt durch das Landesinnere, vorbei am Emerald Pool, zur Westküste wieder nach Portsmouth.
Die Straßen auf Dominica sind bis auf ganz wenige Ausnahmen sehr eng, kurvenreich und mit tiefen Schlaglöchern übersäht. Michi hat keine leichte Aufgabe. Immer wieder muss er den Wagen abbremsen oder verreisen, um diesen Hindernissen ausweichen zu können. Nach der Ortschaft Capucin wird aus der asphaltierten Straße ein Feldweg. Wir stellen den Wagen ab und marschieren ein Stück zu Fuß. Die Gegend scheint menschenleer. Wir sehen von hier die Inseln Le Saints, dahinter Guadeloupe, wo wir in einigen Tagen sein werden.
Dann geht es wieder retour, durch kleine Dörfer mit wunderschönen Palmenstränden. Überall sind noch die Spuren der Verwüstung vom letzten Hurrikan Omar zu sehen. Straßen und Ufermauern sind vernichtet und müssen mühevoll wieder aufgebaut werden. Hoffentlich bieten sie beim nächsten Sturm mehr Schutz.
Wir erreichen die Abzweigung. Doch Wegweiser und Verkehrszeichen gibt es nur ganz selten auf Dominica. Hier kennt man sich aus – oder - wir fragen lieber vorher nach dem Weg. Die Straße führt über den Morne aux Diables. Gabi entdeckt eine Baum voll mit reifen Orangen. Da fällt es nicht auf, wenn eine fehlt. Steil und mit engen kurven führt die Straße bis zur Passhöhe. Berge im Nebel, Einsamkeit. Nur einige Rinder grasen auf den saftigen Wiesen. Auf der anderen Seite des Morne aux Diables sieht man den Atlantik. Abwärts wird die Straße nun noch schmäler. Links und rechts wachsen Bananenpalmen, Kokospalmen und viele andere Pflanzen. Hier beginnt die Landschaft der Bauern und Plantagenbesitzer. Wir erreichen den Ozean im Ort Pennville. Von hier ist eine Straße entlang der Küste in den Westen geplant, doch derzeit führt nur ein Fußweg dorthin.
Von hier fahren wir nun südwärts in Richtung Carib Territory. An einer Kreuzung nehmen wir eine Autostopperin mit, eine ältere Frau. Als sie sich auf die hintere Sitzbank zu Gabi und Werner gedrängt hat, beginnt sie, in unverständlichen Dialekt auf Gabi einzureden. Trotz ihrer Sprachgewandheit fällt es Gabi sehr schwer, die Frau nur ein wenig zu verstehen. Und diese beginnt dann auch noch immer wieder fürchterlich zu lachen, wahrscheinlich über ihre eigenen Witze. Wir sind etwas verwirrt und recht froh, als sie nach einigen Meilen aussteigen will.
Plötzlich bremst Michi scharf ab! Was ist los? Ich hatte gerade nicht auf die Straße geschaut. Ich werfe einen Blick durch die Scheibe und nun ist mir klar, warum wir abrupt anhalten mussten. Mitten auf der Fahrbahn, direkt vor uns, sitzt ein schöner grüner, ca. 1m langer, Leguan. Sofort hole ich die Kamera und öffne meine Seitentüre. Leider etwas zu rasch. Sofort verschwindet die große Eidechse im dichten Grün des Regenwaldes.
Bei Marigot führt die Straße über eine große Baustelle. Hier wird gerade die Start- und Landebahn des Mellville Hall Airport erweitert. Wahrscheinlich fliegen in einigen Jahren auch große Flugzeuge diese paradiesische Insel an. Eigentlich schade!
Um etwa 13.00 Uhr erreichen wir das Land der letzten karibischen Ureinwohner, die sich selbst „Kalinago“ nennen. Zuerst fahren wir zum „Carib Council Office“. Eine nette Dame begrüßt uns sehr freundlich und wir erfahren ein wenig über dieses Gebiet. Wir können hier nun ein Dorf besuchen, wo wir von Führern die Lebensweise der Cariben kennen lernen.
Bei der Polizeistation zweigt die Straße nach links ab und führt steil abfallend bis zu einem Parkplatz vor dem Schaudorf. Dieses liegt direkt an der felsigen Küste des Atlantiks. Fatima heißt unsere Führerin und wir lernen ein wenig über das ursprüngliche Leben der Kariben kennen. Man hat die traditionellen Hütten, ein Langhaus für Männer, eine Kochhütte und ein paar andere Unterkünfte mit Holz und Stroh aufgebaut. Auf einem Dorfplatz mit grüner Wiese gibt es ein kleines Restaurant und gegenüber flechten Frauen die traditionellen Korbwaren, die früher vor allem zum Fischfang und für die Nahrungsaufbewahrung wichtig waren. Diese kann man hier auch gleich kaufen.
Man erfährt einiges über das sicher beschwerliche Leben dieser Menschen, die schon vor einigen Jahrhunderten mit ihren Einbäumen die Karibischen Inseln von Südamerika aus besiedelt haben.
Wir verabschieden uns von diesen netten Menschen und fahren wieder zurück auf die Hauptstraße. Auch hier stehen Frauen am Straßenrand und verkaufen ihre selbst hergestellt Ware. Wir halten nochmals an und jeder ersteht einen Korb oder ein anderes kleines Souvenir.
In Castle Bruce teilt sich die Straße. Wir fahren nun nach rechts in das Innere der Insel. Hohe Berge liegen in dichten Wolken. Rund um uns wächst dichter Regenwald. Nur wenige Menschen wohnen in diesem Dschungel. Wir erreichen die Tafel, die den Weg zum Emerald Pool ankündigt. Hier soll ein Schweizer in den siebziger Jahren mitten im Dschungel ein Restaurant eröffnet haben. Doch scheint sich dieser Platz auch etwas gewandelt zu haben und von der ursprünglichen Romantik ist nicht viel übrig geblieben. So fahren wir weiter, bis wir wieder die Westküste bei St. Joseph erreichen. Am Castaway Beach finden wir ein nettes Lokal, wo wir wieder Fisch und Huhn zu essen bekommen.
Es ist finster, als wir uns auf den Heimweg machen. Die Fahrt ist nicht leicht, es gibt keine Bodenmarkierungen, keine seitlichen Randbegrenzungen der Straße und auch keine Verkehrszeichen oder Wegweiser, nur Asphalt. Michi bringt uns aber heil zurück. Wir sitzen noch ein Weilchen im Cockpit und genießen Banane mit Schokopudding, bevor wir schlafen gehen.
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