Donnerstag, 26. Februar 2009

21.02 - 24.02.2009 - Narrentreiben

21.02.2009 – Liliput
Um 08.00 ist die Zeit reif, das warme Bett zu verlassen. Die Sonne steht am Himmel. Immer wieder wühlen heftige Böen das Meer auf. Auch schon während der Nachtstunden. Aber das stand schon im Wetterbericht. Ich mach mich bereit, um mit dem Dingi an Land zu rudern und frisches Baguette zu besorgen.

Es herrscht schon reges Treiben in den schmalen Gassen. Die Mofaverleiher putzen und tanken ihre Mofas, die Lebensmittelhändler holen die letzten Reserven aus ihren Lagern und die wartende Menge räumt die Regale sofort wieder leer. Ich habe Glück. Außer zwei ofenfrischen Broten bekomme ich im Supermark auch noch Eier, eine Zuckermelone und eine Ananas. Mit vollen Händen eile ich zurück an den Steg, denn Plastiksäcke sind aus.

Der Wind treibt mich zurück zu unserem Schiff und das Frühstück wartet schon. Nach dieser Stärkung fahren Gabi und ich nochmals in den kleinen Ort, um Lebensmittel für ein Abendessen zu besorgen. Michi und Werner bleiben an Bord zurück. Und das war ein riesiges Glück.

Noch bevor wir an Land ruderten ist uns ein Schiff bedrohlich nah gekommen. Michi hat schon vorher den Verdacht geäußert, dass der Anker schlieren könnte. Damit wir den Abstand zu diesem Schiff etwas vergrößern können, haben wir die Ankerkette verkürzt. Bei fast 40m Ankerkette haben wir uns keine großen Gedanken darüber gemacht.

Als wir von unseren Einkäufen zurückkehren, wundern wir uns noch, dass unsere Tattoo plötzlich wo anders liegt. Zurück an Bord ist helle Aufregung zu spüren. Der Anker hat sich gelöst. Glücklicherweise haben Michi und Werner sofort reagiert, den Motor gestartet und Kollisionen mit den Schiffen, die hier leider relativ knapp aneinander liegen, verhindert. Ein neuer Platz war schnell gefunden, doch da immer wieder heftige Windböen mit Spitzen bis über 30 Knoten über den Berg herab kamen, war auch der neue Platz kein ruhiger. Der Anker drohte neuerdings auszubrechen.

Neben uns liegt zum Glück ein ortskundiger Segler aus Guadeloupe. Er ist so hilfsbereit und bietet uns seinen Platz an, denn er will an anderer Stelle ankern. Sein Schiff hat er an einem Betonblock mit einer Leine festgemacht. Michi taucht mit unserer Leine hinab und fädelt sie durch einen festen Metallring, sodass wir nun wie an einer Boje hängen.

Nachmittags begeben wir uns dann auf Exkursion. Wir werden diese Inseln per Pedes erkunden. Die Größe macht es möglich. Unser Weg führt über einen Hügel, wo links und rechts neben der schmalen Straße viele nette, meist kleine Häuschen, ab und zu aber auch stattliche Villen stehen. Dazwischen weiden Schafe, Ziegen und Kühe auf grünen Wiesen. Auch Hühner und Hähne laufen in den Gärten auf der Suche nach Futter umher.

Wir kommen am Fußballstadion vorbei. Als Fußgänger muss man aber auch hier vorsichtig sein, denn viele Mopeds bevölkern die wenigen Straßen. Das sind jedoch nicht nur Touristen. Auch viele Einheimische nützen dieses Transportmittel. Nun führt die Straße wieder bergauf. Plötzlich sitzt ein riesiger Iguana vor uns auf der Straße. Leider sind diese schönen Leguane sehr Menschenscheu. Sofort flüchtet er auf einen nahen Baum. Doch diesmal ist mir das Glück hold – der Schnappschuss gelingt diesmal zumindest teilweise.

Dann zweigt ein Weg zum Fort Napoleon ab. Die in der Mitte des 19. Jahrhunderts aus Stein erbaute sechseckige Verteidigungsanlage, steht auf einem grünen Hügel und man hat von hier einen herrlichen Blick über die gesamte Insel. Leider gibt es nur vormittags Führungen, am Nachmittag ist das Fort geschlossen.

Wir gehen die Straße abwärts. Hier sollte man auch keinesfalls auf die Idee kommen, durch die Wälder zu streifen. Denn überall stehen Bäume mit einem roten Farbstreifen – der Manchinelli-Baum, an dem alles giftig ist. Der Stamm, die Blätter, die Früchte und würde man sich bei Regen unterstellen, dann hätte man von den herabfallenden Tropfen Verätzungen auf der Haut.

Am Schiff bereiten wir uns eine kleine Jause zu. Abends wollen wir heute nochmals in den ort, denn am Strand gibt es heute ein kleines Fest der Fischer von Terre du Haut. Um 19.30 sind wir auf dem Platz, wo unter einem Zeltdach ein paar Tische stehen, daneben liegen schöne Fischstücke auf einem Holzkohlengrill. Um 6 Euro gibt es eine herrliche Dorade (auch als Goldmakrele oder Dolphin bekannt) mit Reis. Auch Bodo und Ilona sind mit von der Partie. Nur Michi ist an Bord geblieben, denn er traut dem Frieden nicht. Wir sind ihm auch dankbar, dass er unser Schiff nicht im stich lässt.

Leider gibt es nur Musik aus der Konserve. Die Band, die noch kurz vorher für ihren Auftritt geprobt hat, tritt wegen des starken Windes nicht auf. So kommt leider auch nicht die richtige Stimmung auf. Und Michi wollen wir auch nicht allzu lange alleine lassen. Knapp nach 21.00 Uhr sind wir wieder zurück an Bord und machen uns hier noch einen lustigen Abend.


22.02.2009 – Karneval in Terre du Haute
Auch heute Nacht bläst der Wind stürmisch über die kleine Insel. Auch einige Regenschauer ziehen über uns, sodass wir in der Nacht unsere Luken schließen, um trocken zu bleiben. Am Morgen rudere ich wieder an Land, um Brot zu kaufen. Ich komme an der Kirche vorbei, wo gerade der Gottesdienst stattfindet. Das Gotteshaus ist brechend voll, auch vor den Toren stehen Menschen singend und betend.

In der Bäckerei wartet eine Menschentraube auf frische Baguettes. Das Warten lohnt sich – mit ofenwarmen Baguettes kehre ich an Bord zurück. Unser Frühstück wird aber leider immer wieder von sehr heftigen Sturmböen gestört. Da müssen wir schnell alles festhalten, damit nichts davon fliegt.

Danach geht jeder seine eigenen Wege. Werner liest, Gabi und Michi fahren in den Ort und kaufen Ansichtskarten, ich sitz vor dem Computer und schreibe Tagebuch.

Zwischendurch erreicht uns eine Übersetzungsanfrage von Pitty:
„Nach tagelangen Protesten hat der Windischgartstener Pfarrer Gerhard Maria Wagner den Verzicht auf das Amt des Linzer Weihbischofs bekanntgegeben. Im ö1-Morgenjournal betonte Wagner, dass es sich um einen Rücktritt aus freien Stücken handle.“

und Gabi Übersetzt:
„Après des protestations qui duraient plusieurs jours, le prêtre de W., G M W a annoncé qu’il renonce à la fonction du Weihbischof (dieses Wort weiß ich nicht)
de Linz. Dans le journal du matin de Ö1 (une chaine de radio autrichienne) W a souligné que son renoncement est volontaire.“

Heute finden geheime Dreharbeiten statt, über deren Inhalt ich kein Wort verlieren darf. Nach tagelangen Vorbereitungen haben wir endlich ein Konzept erarbeitet, dass wir nun umsetzen. Nach dieser Arbeit bereiten wir uns für den Karnevalsumzug vor.

Man hört schon die rhythmischen Trommelklänge und Gesang und so beeilen wir uns, an Land zu kommen. Leider waren wir sichtlich aber doch zu langsam. Als wir den Hauptplatz erreichen, dauert es nur mehr wenige Minuten und dann ist es vorbei. Die Musiker packen ihre Instrumente weg und die Menschenmassen zerstreuen sich in alle Richtungen (etwa 100 neugierige Zuschauer). Es ist ungefähr 19.30.

Die soll der Karneval sein? Vom Karneval in der Karibik haben wir uns alle eigentlich mehr erwartet. Und für Morgen sollen alle Umzüge auf Guadeloupe abgesagt worden sein. Auf Grund der Vorfälle der letzten Tage haben die Bürgermeister alle Paraden abgesagt. Ich verstehe diese Maßnahme auch teilweise, denn einen Grund zum Feiern dürften die Menschen hier wirklich nicht haben. Andererseits haben sich die Karnevalsgruppen für dieses Ereignis monatelang vorbereitet und da muss die Enttäuschung besonders groß sein. Auch unsere Enttäuschung ist groß, denn wir haben uns auf den Karneval in der Karibik sehr gefreut.


23.02.2009 – Le Chameau (Das Kamel), 309m
Im Bett lese ich noch die letzte schaurige Erzählung von Edgar Allan Poe’s „Die Maske des Roten Todes“ zu Ende. Dann mach ich mich wieder auf den Weg zur Bäckerei, um frisches Brot zu holen. Wir frühstücken und anschließend muss ich ein sehr wichtiges und geheimes Paket gut verpacken und zur Post bringen. Die Post ist aber wegen des Karnevals bis am 25. Februar geschlossen. Eigentlich komisch, wo doch alle Veranstaltungen abgesagt wurden.

Ich kehre an Bord zurück und telefoniere kurz mit Pitty. Wir hoffen, gute Nachrichten von Guadeloupe zu hören. Auch Gabi verfolgt das Geschehen auf der Nachbarinsel im Radio und im Internet. Glücklicherweise scheint sich die Lage wieder beruhigt zu haben, nachdem es in den letzten Tagen ziemlich wild zugegangen sein soll. Sogar ein Toter ist bei den Protestmärschen zu beklagen gewesen.

Am Nachmittag gehen Gabi, Michi und Werner schwimmen und tauchen. Ich fahre wieder an Land und will mir die Landschaft der Insel ansehen. Zuerst wandere ich zum Plage de Figuier. Nur wenige Menschen bevölkern diesen Sandstrand, denn die Wellen sind heute hoch und es schein hier nicht ungefährlich zum Baden zu sein. Ich kehre wieder um und nehme nun den Weg auf den Le Chameau, die höchste Erhebung dieser Insel. Immerhin 309m. Fast bis ganz nach oben führt eine betonierte Straße bergauf, vorbei an der Mülldeponie, wo gerade Rauchschwaden über den Berg hochziehen und das Atmen erschweren. Das letzte Stück des Weges führt durch Wald über einen schmalen Pfad bis zu einem Wachturm, den man schon von unten sehen kann. Nur eine Gruppe von sechs Franzosen sind zur selben Zeit unterwegs wie ich, sonst ist hier sehr ruhig. Am Weg sind mir eine Menge Ziegen und Zicklein begegnet, auf Futtersuche.

Für das Abendessen stöbere ich in den Regalen mehrerer Lebensmittelgeschäfte und suche die letzten Reste an Fleisch und Gemüse. Doch die Regale sind wirklich schon fast zur Gänze ausgeräumt. Nur mehr wenige Konserven warten auf Abnehmer.

An Bord zurück plaudere ich noch kurz mit Pitty über Skype. Dann melden sich Bodo und Ilona aus Le Gosier auf Guadeloupe. „Keine besonderen Vorkommnisse, alles okay! Wir werden morgen auch folgen.

Es gibt heute Boef Saumier, das ist Rindfleisch, „Saumier“ heißt wahrscheinlich salzig – wir wissen es aber nicht. Denn das Fleisch ist viel zu salzig. Dazu gibt es Salat und Knoblauchbrot. Trotz des hohen Salzgehaltes schmeckt das Essen nicht schlecht. Gabi hat wieder gezaubert.

Während wir beim Essen sitzen, hören wir plötzlich wieder Musik und Karnevalstreiben aus dem Dorf. Also beschließen wir, uns in das Treiben zu begeben. Wir rudern schnell an Land, leider jedoch um eine Spur zu langsam. Denn als wir den Dorfplatz erreichen, verlässt der Umzug gerade diesen Ort. So wollen wir unsere Enttäuschung runter spülen, doch auch dazu bietet sich keine Gelegenheit. Kein Lokal hat mehr geöffnet.

Wir rudern wieder heimwärts. Und als wir so im Cockpit sitzen, hören wir plötzlich wieder Lärm, Trommeln und Musik. Der Umzug ist um die Insel gewandert und kehrt nun wieder zurück. Doch diesmal bleiben wir an Bord und beobachten die Menschenmassen vom Boot aus. Der Umzug scheint zumindest einen Rekord zu halten – es ist wahrscheinlich der kleinste der gesamten Karibik.


Unterwasseraufnahmen vom 22.02. und 23.02.2009
Die Unterwasseraufnahmen wurden mit einer PENTAX Optio W30 - Digitalkamera in Martinique in Anse a Bourg von Gabi und Michi aufgenommen.

Bildindex
Reihe 1
1307 Kleinpolypige Sternkoralle
1310 Fahrrad am Meeresboden
1317 Franzosen-Grunzer und Jacobus-Soldatenfisch
1329 Karibische Pferdeaktinie (Anemone) und Jacobus-Soldatenfisch
1341 Gelbstreifen-Grunzer
1342 Karibischer Trompetenfisch

Reihe 2
1346 Pfauenbutt im Sand
1348 Bunter Spiralröhrenwurm


24.02.2009 – Friede auf Guadeloupe
Nachdem alles an Bord klar gemacht ist, wollen wir ablegen. Doch leider geht das heute nicht so einfach. Da unser Anker nicht gehalten hat, haben wir uns an einem Betonblock mit einem Metallring mit einer Leine festgemacht. Um ganz sicher zu gehen, auch noch mit einer zweiten Leine. Der Wind hat sein Spiel mit uns getrieben. Einmal sehr heftig, dann wieder fast nicht vorhanden, haben wir uns einige Male um uns selbst gedreht und dabei haben sich die Leinen mehrmals vertörnt. Michi muss ins Wasser und nur mühevoll kann er uns von diesem Wirrwarr befreien. Unsere beiden längsten Festmacher sind durch das ständige Reiben am Metallring in diesem Bereich leider schwer beschädigt worden.

Um 11.15 fahren wir aus der geschützten Bucht von Anse a Bourg auf das offene Meer. Hohe Wellen lassen unsere Tattoo hin und her schlagen und der Wind bläst mit etwa 20 bis 25 Knoten aus Osten. Zunächst segeln wir an die nur 5 Seemeilen entfernte Südküste von Basse Terre. Basse Terre ist der linke Flügel des Schmetterlings Guadeloupe. Sehr Grün und mit hohen Bergen bedeckt. Mühevoll arbeiten wir uns an der Küste hoch, gegen Wind und Welle. Endlich erreichen wir den Punkt, von wo wir den Kurs ändern können und nun mit 30° dem heutigen Ziel entgegenfahren.

Um 17.20 können wir die Maschine stoppen. Der Anker liegt in ca. 3,5m Tiefe auf sandigem Boden und hält eisern. Vor uns liegen Ilona und Bodo mit ihrer „Ausreisser“.
Die beiden sind gerade schwimmen und plötzlich taucht ein blonder Kopf aus dem Wasser und ruft: „Ik binns, Ilona!“ Bodo kommt mit dem Dingi vorbei, um sich den Druckregler abzuholen, den wir in Bourg für ihn besorgt haben. Nun gibt es wieder warme Mahlzeiten.

Bald nach Sonnenuntergang machen wir uns für den ersten Landgang in Le Gosier bereit. Bei der Landung mit dem Dingi am Sandstrand werden wir ordentlich gewaschen. Werner am gründlichsten. Gerade als Werner aus dem Boot steigt, schiebt uns eine hohe Welle um einige Meter höher an den Strand. Werner stürzt und ist völlig durchnässt. Uns geht es etwas besser, doch trocken steigt keiner von uns aus dem Dingi.

Wir versuchen, aus der Situation das Beste zu machen und marschieren einmal die Hauptstraße entlang, um einigermaßen zu trocknen. Es ist ruhig, nur wenige Menschen bevölkern die Straßen. Bushaltestellen mit zerstörten Glasscheiben sind die einzigen Zeugen von Ausschreitungen.

Wir kehren in ein vietnamesisches Lokal ein. Außer uns sind keine Gäste hier. Das essen schmeckt sehr gut. Dann erzählt die nette Wirtin von den letzten Tagen. Es war sichtlich wirklich schlimm, fast wie im Krieg. Die Polizei hat gestreikt und diese Situation wollten sich einige Randalierer zunutze machen, um Geschäfte zu plündern. Doch deren Treiben wurde durch das Eingreifen der aus Frankreich entsandten Ordnungshüter bald gestoppt. Nun ist wieder Ruhe eingekehrt, der Streik wurde beendet und die Regale in den Geschäften sind wieder gefüllt. Auch die Verhandlungen für höherer Löhne scheinen erfolgreich zu sein.

Wir kehren wieder an den Strand zurück, wo unser Dingi unversperrt liegt. Es liegt auch noch bei unserer Rückkehr da. Vorher kaufen wir Bananen und Mangos bei einer Familie ein, die ihre Ware aus dem Kofferraum ihres Wagens anbieten. Und dann stürzen wir uns wieder in die tosende Brandung. Doch diesmal etwas klüger. Nur mit Unterhose bekleidet, den Rest der Wäsche haben wir sicher im Rucksack verstaut.

Wieder an Bord, müssen wir uns zuerst vom feinen Sand reinigen, der sich in Hautfalten an Füßen, Händen und am gesamten Körper versteckt hat. Dann sitzen wir noch eine Weile, lauschen dem Wind und unterhalten uns über die kommenden Tage.

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