Freitag, 13. März 2009

10.03 - 12.03.2009 - Kopflosigkeit

10.03.2009 – Antigua, ade
Ja leider, wieder müssen wir eine Insel verlassen, wo wir uns sehr wohl gefühlt haben. Aber an dieser Stelle möchte ich auf ein Problem hinweisen, dass leider hier niemanden zu stören scheint. Überall liegen in wunderschöner Natur, aber auch neben der eigenen Hütte oder im Garten des Hauses Autowracks, Autoreifen, Aussenbordertorsos, Haushaltsgeräte, Wellblechteile, und – und - und. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen.

Einerseits verstehe ich, dass es schwierig ist, diese schweren Güter an eine zentrale Stelle zu bringen. Was passiert dann dort damit? Dann müsste man diesen (vielleicht gar nicht wertlosen) Schrott abholen lassen, wo er an geeigneter Stelle recycelt wird.

Diese Leichen werden immer mehr und sie zerstören so viel dieser unendlich wertvollen Natur dieser einzigartigen Karibik. Vielleicht hört mich jemand?

Kehren wir nun zurück zum Tagesgeschehen: Aufstehen zu gemäßigter Stunde, ich um 08.00 Uhr, Werner etwas später. Mein tag beginnt mit Wäsche waschen, spülen, aufhängen an der Reling. Dann wird gefrühstückt.

Als wir das Geschirr abgewaschen und Zähne geputzt haben, kommt unser Nachbar Klaus mit seinem Satellitentelefon Motorola 9505, das Selbe wie unseres, um es zu testen. Wenn er den Akku in seinem Telefon aufladet, dann entladet er sich. Mit unserem Telefon funktioniert es aber richtig. Jetzt muss Klaus der Mitarbeiterin vom Telefonverkäufer das Problem erklären und hoffen, dass sie es versteht. Ich möchte nicht in seiner Haut stecken. Als Gegenleistung bindet Klaus eine große Schlaufe in das Seil, mit dem wir an der Boje hängen.

Anschließend nehmen wir unsere Schiffspapiere und Pässe und gehen zum Zoll. Wir wollen heute ausklarieren, damit wir morgen zeitig in der Früh sofort ausfahren können. Die Dame an der Theke erklärt, dass wir das besser erst am Nachmittag erledigen. So gehen wir unverrichteter Dinge zu dem kleinen Souvenirmarkt, wo auch ein Obsthändler seine Ware verkauft. Eine Ananas, eine Zuckermelone und ein paar Bananen wechseln den Besitzer. Als Draufgabe bekommen wir zwei Zwergananas geschenkt.

Wir gehen zum Segelmacher, um unseren seitlichen Spritzschutz abzuholen – eine Abdeckung der Reling im Bereich des Cockpits, damit uns seitlich brechende Wellen nicht bespritzen können. Alles liegt zum Abholen bereit. Wir bezahlen 487,00 EC$ und gehen an Bord.

Ich schreibe Tagebuch, Werner liest und um 13.00 Uhr packe ich den Computer ein begebe ich zum Anchorage-Center, wo es gratis Internet gibt. Ich nütze die Möglichkeit und telefoniere mit Pauli und Lilli, mit Pitty und mit Erwin und Wolfgang in einer Konferenzschaltung. Das ist wirklich toll. Erwin sitzt im 2. Bezirk auf der Wasserwiese, Wolfgang in Ritzing im Mittleren Burgenland und ich in English Harbour auf Antigua und wir plaudern, so wie wenn wir gemeinsam an einem Tisch sitzen würden. Doch ein Blick auf die Uhr lässt mich das Gespräch abrupt beenden.

Werner hat in der Zeit, wo ich im Internet war, für unser leibliches Wohl gesorgt und bei einem Imbissstand neben dem Admirals Inn Huhn mit Reis und Bohnen für je 13,00 EC$ besorgt. Und außerdem sollten wir um 16.00 Uhr spätestens beim Zoll sein.

Dort geht dann alles reibungslos, aber sehr kompliziert, von statten. Zuerst müssen wir beim Hafenkapitän die Rechnung für zwei Tage Liegeplatz, Müll, Strom und Wasser schreiben lassen, dann zum Zoll. Hier wird das selbe Formular wie bei der Einreise ausgefüllt, nur mit einem Ausreisedatum. Die nächste Station ist die Einwanderungsbehörde. Hier fülle ich die Crewliste so wie bei der Einreise aus, völlig identisch. Dann muss ich wieder zum Zoll. Hier braucht der Beamte aber dann die bezahlte Rechnung vom Hafenkapitän. Wir müssen aber vorher den Adapter für den Stromanschluss zuerst dem Elektriker bringen, damit wir die Leihgebühr bezahlen können. Mit dieser Rechnung in der Hand können wir dann die Hafengebühren bezahlen. Jetzt kann der Mann vom Zoll seinen Stempel und seine Unterschrift auf das Ausreiseformular setzen.

Um 18.00 mach ich mich nochmals auf den Weg zum gratis Internet. Wie ich dort so sitze, höre ich plötzlich hupen, Trompetenlärm, gekreische, Automotoren. Eine endlos lange Autoschlange nähert sich dem großen Parkplatz vor Nelson’s Dockyard. Alle Menschen blau gekleidet, mit blauen Fähnchen in den Händen, Plastikhörner zum Reinblasen, Trommeln, Pfeifen, aufgeblasenen Gummihämmern, und vielen anderen Werbematerial der UPP – der derzeit in Antigua regierenden Partei, wie mir der Koch der Pizzeria gegenüber meines Platzes erklärt. Jeder schreit irgendetwas, ein Chor grölt die Parteihymne, alle sind fanatisch und entfesselt. Die Gäste im Lokal werden schon nervös, denn alle Mitarbeiter stehen am Straßenrand und zeigen deutlich, dass ihre Farbe rot ist.

Nach einer halben Stunde zieht die Kolonne wieder ab und es kehrt Ruhe ein. Auch ich beende meine Internetverbindung und kehre zu Werner zurück. Wir essen unser Huhn mit Reis und Gemüse, mittlerweile ausgekühlt, aber gut, dann schreiben wir eine SMS an die „Ausreisser“, ob sie nicht auf ein Bier vorbei kommen wollen.

Der Anlass ist ein trauriger. Wir müssen uns heute leider verabschieden, denn nun trennen sich unsere Wege. Ilona und Bodo wollen bis zum ersten April von Barbuda die Rückreise über den Atlantik antreten. Ich will es kurz und schmerzlos machen.

Liebe Ilona, lieber Bodo!
Es war ein großes Glück, euch in Barbados am 16.12.2008 kennen gelernt zu haben. Die Stunden, die wir mit euch verbracht haben, waren wunderschön. Immer wieder waren wir getrennt und haben uns doch wieder gefunden. Eines glaube ich allerdings erst, wenn ich es mit eigenen Augen gesehen habe: Dass die „Ausreisser“ vor Bodos und Ilonas Heim in Zedernick auf der Havel angebunden ist. Das klingt einfach unglaublich. Aber wir kommen, um es zu glauben.

Wir wünschen euch viel Glück und gute aber mäßige Winde, auf ein baldiges Wiedersehen. Und meldet euch, wenn ihr „drüben“ seid!

Die Crew von der Tattoo

Wir verabschieden uns auch von Klaus und Heidrun, die wir leider erst vor wenigen Tagen kennen gelernt haben. Aber wir müssen weiter.

11.03.2009 - Kopflos
Tagwache um 06.00 Uhr. Es ist schon Morgendämmerung. Werner stellt einen Teekessel voll Wasser für Tee und Kaffee auf die Herdflamme, während ich Vorbereitungen zum Ablegen treffe. Klaus, unser Nachbar, kommt auch aus seiner Koje, um uns noch ein letztes Lebewohl zu wünschen. Er hilft uns beim Einholen der Heckleine.

Zwanzig Minuten nach Sechs ist es dann soweit. Die Maschine ist gestartet, ich ziehe vom Cockpit aus den Anker in die Höhe und Werner holt die Leine ein, mit der wir an der Boje befestigt waren. Wir machen an Deck alles klar und werden dafür mit einer ruhigen See und wenig Wind auf offener See empfangen. Das erste Stück entlang der Küste motoren wir. Endlich können wir wieder bei Fahrt frühstücken. Wir stärken uns mit Müsli mit einer Frischen Ananas, mit einer Zuckermelone und mit Bananen. Wurst und Käse dürfen natürlich auch nicht fehlen.

Der Wind legt leicht zu, etwa 10 bis 15 Knoten zeigt unsere Windstärkeanzeige an und wir rollen die Genua aus. Und nachdem wir aus der Landabdeckung der Insel kommen frischt es auf 20 Knoten auf. Das Großsegel mit erstem Reff wir nun auch gesetzt. Die Maschine wird gestoppt. Mit 5,5 bis 6,5 Knoten fliegen wir förmlich der kleinen Insel Nevis entgegen. Und wieder rollen wir unsere Angelleine aus – vielleicht beist heute ein Fisch an. Seit unserem Jahrhundertfang am 25. Dezember zwischen Barbados und Tobago hatten wir kein Anglerglück mehr.

An der Backbordsnneeite erblicken wir die Insel Monserrat. Ich hätte diese Insel gerne besucht, nicht nur wegen ihres noch hoch aktiven Vulkans Soufriere, der 1997 das letzte Mal einen gewaltigen Ausbruch hatte. Nur leider sind die Möglichkeiten zu ankern sehr gering und auch sehr von der Wetterlage abhängig. Das war uns dann einfach zu unsicher.

Redonda gehört zum Inselstaat Antigua und Barbuda. Die unbewohnte Insel war nur einmal für gewiefte Kaufleute aktuell, die mit dem dort tonnenweise herumliegenden Vogelmist das große Geschäft machen wollten. Doch dann kam die englische Krone.

Es ist 14.30. Wir haben Nevis quer ab. Die Insel gehört zum Statt Saint Kitts und Nevis, ist fast kreisrund, hat eine Fläche von zirka 93 km², 10.000 Einwohner und in der Mitte erhebt sich eindrucksvoll der grüne Gipfel des Nevis Peak mit immerhin 3.232 ft, das sind fast 1000m Höhe.

Auf dem letzten Stück zur Hauptstadt Charlestown bläst uns der Wind mit 25 bis 30 Knoten voll entgegen. Trotz Motorunterstützung plagen wir uns die letzen Seemeilen, bis wir endlich um 16.30 ein Bojenfeld vor Pinney’s Beach erreichen. Davon steht nichts im Hafenhandbuch. Aber wir sind nicht unglücklich. Schnell ist eine geeignete Boje gefunden, an der wir uns anhängen können. Vor uns sollte ein wunderschöner Palmenstrand liegen.

Im Hafenhandbuch konnte ich lesen: Der Sandstrand ist 2,5 km lang, man ankert vor einer traumhaft schönen Palmenkulisse, wo es am schönsten ist, Karibik pur.

Hier hat leider ein Hurrican am Pinney’s Beach alle Palmen geköpft. Der Anblick ist wirklich sehr traurig. Mit diesem Los müssen die Menschen hier in der Karibik leider leben. Und wütet einmal ein Hurrikan über einer Insel, dann hinterlässt er nicht nur eine Spur der Zerstörung, dann bleiben danach auch die Hotelbetten leer und die Einkünfte der Inselbewohner versiegen.

Wahrscheinlich ist das einer der Gründe, warum das Leben in der Karibik so unverhältnismäßig teuer ist. Obwohl durch diese hohen Preise für viele Menschen hier das Leben fast unerschwinglich wird. Und die Armut ist hier überall zu sehen, auch wenn das viele nicht wahrnehmen wollen. Deshalb kostet ein ¼ Liter Bier zwischen 2,50 und 3,00 Euro, eine Stange Brot ca. 1,25 Euro. Eine Pizza ab 12.00 Euro. Und oft muss man zu den Preisen, die in der Speisekarte stehen noch 10 Prozent für das Service und 15 Prozent für Steuern hinzurechnen.

Aber warum dreh ich mich nicht einfach um und vergesse diesen traurigen Anblick. Vor mir sehe ich einen riesigen rot glühenden Ball, der langsam hinter dem Horizont untertaucht. Und davor segelt ein wunderschöner Dreimaster mit vollen Segeln. Wie besessen versuche ich dieses Bild mit meiner Kamera einzufangen.

Und es gibt hier auch noch andere Dinge, die eigentlich so gar nicht in diese Welt passen. Aber ich versuche sofort, ob ich hier einen Zugang zum Internet habe. Und es funktioniert auf Anhieb. Wenige Minuten später plaudere ich mit Pitty und den Kindern mit Skype.

Das Abendessen fällt heute einfach aus, denn wir wollen heute beide nicht mehr an Land rundern, um etwas einzukaufen. Mit einer Dose Mischgemüse – Mixed Pickles, Zwiebel fein geschnitten und Thunfisch zaubere ich einen Salat. Werner schält den Knoblauch und mischt eine Butter dazu und wir essen heißes Knoblauchbrot dazu. Nun sind alle Brotreserven verspeist. Und wir sind müde, der Tag war lange.


12.03.2009 – Charlestown
Heute müssen wir zuerst den Amtsweg beschreiten. Zoll und Einreiseformalitäten. Vorsichtig, wie wir geworden sind, rudern wir nur in mit der Badehose bekleidet mit dem Dingi an den Strand. Kleidung und Schiffspapiere sind in einem wasserdichten Sack verstaut. Prompt lande ich beim Anlanden am Sandstrand im Wasser. Es hat nur ein halber Meter gefehlt.

Wir ziehen unser Dingi aus dem Meerwasser. Stacheliges staubtrockenes Strauchwerk begrenzt den menschenleeren Sandstrand. Unvorsichtiger Weise trete ich mir auch gleich so einen harten Stachel in der Fußsohle ein. Schnell ziehen wir uns an, dabei steige ich noch mindestens zwei Mal auf Dornen. Es tut gut, wenn der Schmerz nachlässt. Zum Glück bleiben diese Dornen nicht stecken oder brechen sogar ab.

Wir kommen an einem Strandrestaurant vorbei, gehen über eine Brücke, die einen Fluss überquert und stehen auf der Hauptstraße. Auch hier ist das Bild ein trauriges. Fast jedes Haus steht leer, Mauern sind umgefallen, Fenster und Türen fehlen oder sind kaputt. Ziegen weiden in den Gärten. Ein ehemaliger Tennisplatz ist noch am grünen Bodenbelag und an den Markierungen zu erkennen.

Doch je näher wir uns der kleinen Hauptstadt Charlestown nähern, umso lebendiger wir es um uns. Charlestown ist eine nette Stadt, mit netten Bürger, netten Häusern. An jeder Ecke steht eine Bank, es gibt viele Geschäfte und viele Menschen.

Wir stehen im kleinen, aber lebendigen Hafen. Ich frage einen Mann nach dem Zoll. Der Zollbeamte führt mich in das Büro im ersten Stock. Ein fast wortloser junger Beamter fragt mich nur, was auf seinem Bildschirm zu lesen ist. Dann tippt er langsam die richtigen Antworten in das Formular. Ich zahle 30,00 EC$ für die Einreise und werde zur Polizei geschickt. Hier werden unsere Pässe abgestempelt, nachdem ich eine Crewliste ausgefüllt habe. Der nächste Weg führt zum Hafenkapitän, wo ich 71,00 EC$ für drei Tage an der Boje, eine Umweltabgabe und eine mir unbekannte Steuer bezahle. Nun erhalte ich beim Zöllner das wichtige Dokument der Einreise. Das benötigen wir später für die Ausreise.

So einfach geht das. Wir belohnen uns mit einem kühlen Getränk. Dann besichtigen wir Charlestown gründlich. Nach einer Stunde sind wir fertig. Das wirklich interessanteste ist der jüdische Friedhof. Nur mehr wenige Gräber sind vorhanden. Aber dafür stehen schöne bunte Holzhütten auf dem Friedhof. In grellen Farben: gelb, grün, rosa. Nur deren Zweck ist nicht zu erkennen.

Wir kehren auf unser Schiff zurück. Es ist heiß und wir spannen das Sonnendach über das Cockpit. Dann setze ich mich an den Computer und verbinde mich mit der Heimat,
schreibe Emails, auch wieder einmal an Wolfgang und Christel von der Liv. Leider haben sich unsere Wege schon vor langer Zeit getrennt. In San Sebastian haben wir unser letztes Bier gemeinsam getrunken. Doch wir schreiben uns regelmäßig. Ein Wiedersehen gibt es aber wahrscheinlich erst in sechs oder sieben Jahren. Denn erst dann wollen die beiden zurückkehren.

Heute gibt es Marmeladepalatschinken. mit unseren letzten Marmeladereserven. Und Werner meint: „Endlich etwas, was wie daheim schmeckt!“

Keine Kommentare: